Die Toba

Die Toba
Zeit der Zersplitterung des Reiches

220 bis 581

Im Norden etablierte sich unter Cao Caos Sohn Cao Bei, der sich 220 zum Kaiser ausrufen lieĂź, die Wei-Dynastie (220 bis 265) mit ihrer Hauptstadt in Luoyang. Zwei Jahre später, im Jahr 222, nahm auch der HeerfĂĽhrer in Sun Quan den Kaisertitel an und grĂĽndetet in Zentral- und Ostchina die Wu-Dynastie (222 bis 280) mit Jinaye (=Nanjing) und Wuchang als Hauptstädten. Schon ein Jahr vorher, 221, war in Sichuan im SĂĽdwesten des damaligen Han-Reiches unter General Liu Bei, einem Angehörigen der untergegangenen Han-Dynastie, die Shu-Dynastie (221 bis 263) mit Chengdu als politischem, administrativem und kulturellem Zentrum und ihm selbst als Kaiser gegrĂĽndet worden. Diese drei Dynastien sind in der chinesischen Geschichte als die “Drei Reiche” (san-guo) bekannt. 

Aber auch zwischen diesen drei Reichen herrschte kein Friede; es kam vielmehr dauernd zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Im Jahr 263 gelang es dem Staat Wei, seinen südwestlichen Nachbarstaat Shu zu zerstören und dessen Gebiet seinem eigenen Territorium einzuverleiben.
Nur zwei Jahre später, im Jahr 265, konnte ein Angehöriger des mächtigen Clans der Sima, nämlich Sima Yan, die Macht im Staat Wei am sich reißen.
Nachdem er im Jahr 280 auch noch den Staat Wu unter seine Kontrolle gebracht hatte, war das Reich unter der von ihm gegründeten (Westlichen) Jin-Dynastie (265 bis 215) wieder – wenngleich auch nur für kurze Zeit – geeint.

Sima Yan, der sich mit seinem Kaisernamen als Wu-di, als Kriegerischer Kaiser, bezeichnete, teilte sein Imperium hierauf in 19 Provinzen mit insgesamt 173 Kreisen ein. Um die Landwirtschaft, welche durch die vorausgegangenen Kriegswirren sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, wieder in Gang zu bringen, führte er ein neues Parzellierungssystem ein, durch das ein gewisser Teil des Grund und Bodens, meist allerdings nur minderwertiges Ackerland, als Lehen an die Bauern verteilt wurde. Gleichzeitig hoffte er, durch diese Maßnahme jene Bauern, die während der kriegerischen Auseinandersetzungen ihr Land verloren hatten und zum Teil in die verschiedensten Gegenden des Reiches geflohen waren, wieder an die Scholle zu binden und damit wieder als Steuerzahler und Frohndienstarbeiter in den Arbeitsprozeß integrieren zu können.

Wie bereits früher erwähnt, lebte im Norden, im Nordwesten und zum Teil auch im Nordosten des chinesischen Imperiums sowie vor allem auch jenseits der Grenze eine Reihe von »Barbarenvölkern« nichtchinesischen Ursprungs, die gerade in jener Zeit, in denen China geschwächt war und mit inneren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, ausgedehnte Eroberungsfeldzüge nach Süden unternahmen und dabei oft große Gebiete Chinas an sich rissen.Eines dieser Völker waren die Xiongnu, die ostasiatischen Hunnen, die nun wieder in China einfielen, die Hauptstadt einnahmen und der Westlichen Jin-Dynastie im Jahr 316 ein Ende bereiteten.

Einer der Xiongnu-Anführer, Liu Yuan, hatte den Familiennamen des früheren Han-Kaiserhauses angenommen und sich im Jahr 308 zum Kaiser der Han erklärt. Die von ihm gegründete Dynastie ist bekannt unter dem Namen Nördliche Han-Dynastie bzw. (Frühere) Zhao-Dynastie. Sein Nachfolger war sein Sohn Liu Cong, der im Jahr 311 Luoyang hatte angreifen, den Jin-Kaiser gefangennehmen und in die damalige Xiongnu-Hauptstadt Pingyang bringen lassen.

Bei der ErstĂĽrmung von Luoyang wurden die Tempel und Paläste der Stadt niedergebrannt, 30 000 Menschen (darunter auch der Kronprinz der Jin) umgebracht und die Stadt geplĂĽndert. Im Jahr 329 gelang es einem Xiongnu-General namens Shi Luo, die FrĂĽhere Zhao-Dynastie zu vernichten. Ein Jahr später lieĂź er sich zum Kaiser der Späteren Zhao-Dynastie ausrufen. 

Nach der Vernichtung der Westlichen Jin-Dynastie, die ihre Hauptstadt zunächst in Luoyang und dann in Chang’an hatte, erklärte sich ein Prinz des Jin-Hauses zum neuen Kaiser und schlug als erster Kaiser der Östlichen Jin-Dynastie (316 bis 420) in Jiankang (= Nanjing) seine Residenz auf.

Damit war der Norden Chinas zur Gänze in der Gewalt von “Barbarenvölkern”, und nur der Süden stand noch unter chinesischer Oberhoheit. Diese Zeit nennt man in der chinesischen Geschichte die Periode der Nord- und Süddynastien.

Die Xiongnu waren aber nicht das einzige Fremdvolk, welches zu Beginn des 4. Jahrhunderts in China eindrungen. Außerdem okkupierten die Di und die Qiang, zwei tibetische Volksstämme, weite Steppengebiete in Nordwest- und Westchina und errichteten dort ihre eigenen Reiche. Im Nordosten des Imperiums waren die Xianbi, wahrscheinlich ein protomongolischer Volksstamm, eingefallen, hatten einen Teil des Landes an sich gerissen und die Frühere Yan-Dynastie gegründet. In Nordchina verblieb nur eine einzige Region unter der Herrschaft der Chinesen, nämlich das Gebiet um den Gansu-Korridor. Dort hatte sich ein chinesischer General namens Zhang Gui festgesetzt und die Frühe Liang-Dynastie gegründet.

Aber auch er konnte sich – von “Barbarenvölkern” umgeben – auf Dauer nicht halten und unterlag um Jahr 376 dem Ansturm der tibetischen “FrĂĽheren Qin”-Dynastie. Diese vom tibetischen Di-Volk getragene Dynastie, die im Jahr 370 auch der FrĂĽheren Yan-Dynastie eine vernichtende Niederlage beigebracht und anschlieĂźend 40 000 Xianbi-Familien in ihre Hauptstadt Chang’an deportiert hatte, herrschte nun unter ihrem AnfĂĽhrer Fu Jian ĂĽber ein gewaltiges Reich in Nordwestchina. Im Jahr 538 unternahm die FrĂĽhere Qin-Dynastie sogar einen Eroberungsfeldzug gegen die Ă–stliche Jin-Dynastie im SĂĽden Chinas, erlitt jedoch dabei eine vernichtende Niederlage. 

Alles in allem war die Zeit von 304 bis 439, die sogenannte Periode der “sechzehn Dynastien”, für Nordchina eine Zeit furchtbarer Verwüstungen. Die meist nur kurzlebigen Fremddynastien zerstörten in dieser Zeit weite Teile des Ackerlandes, wodurch die landwirtschaftliche Produktion in weiten Teilen Nordchinas zum Erliegen kam.

Die chinesische Bauernbevölkerung dieses Raumes war von den fremden Eroberern weitgehend ausgeraubt, zum Teil sogar umgebracht worden. Die GroĂźgrundbsitzer, die Aristokratie und die Beamten wichen dem Druck der Fremdvölker und wanderten ins Yangzi-Tal oder noch weiter nach SĂĽden aus. Der SĂĽden Chinas war ja während der Zeit der sechzehn Dynastien einheitlich chinesisch geblieben und wurde von einer chinesischen Dynastie, der Ă–stlichen Jin-Dynastie, regiert. Durch diese Situation herrschte damals in weiten Teilen Chinas, im Norden wie im SĂĽden, eine gewaltige Mobilität und Umstrukturierung der Bevölkerung. 

Unter den vielen Kleinstaaten des zersplitterten Nordens gewann ein Volk immer mehr an Boden: die von den Xianbi abstammenden Toba. Dieses ungestüme Reitervolk verstand es, seine Gegner der Reihe nach auszuschalten und den gesamten Norden unter seine Herrschaftsbereich zu bringen. Nach der uns bereits aus der Zeit der Drei Reiche bekannten Wei-Dynastie, mit der sie durch gewisse verwandtschaftliche Bande zusammenhingen, nannten sie ihre Dynastie die Nördliche Wei-Dynastie (386 bis 534). Ihre Hauptstadt war Pingcheng (das ist das heutige Datong) in Nord-Shanxi. Im Jahr 494 wurde sie von dort wieder nach Süden, nach Luoyang, verlegt.

Obwohl die Toba als kriegerisches Reitervolk nunmehr ganz Nordchina beherrschten, sahen sie sich dennoch gezwungen, das altbewährte chinesischen Verwaltungssystem zu übernehmen, um über das Volk, das nach wie vor im wesentlichen aus Han-Chinesen bestand, regieren zu können. So wurde also das Land unter der Fremdherrschaft der Toba wieder in seiner alten chinesischen Sozialstruktur aufgebaut. Die Funktionen des Siegervolkes in diesem Staat beschränkte sich immer mehr auf die Besetzung der militärischen Schlüsselpositionen und auf die Aufrechterhaltung einer starken Armee. Immer mehr wichtige Verwaltungsposten gingen in die Hände der Chinesen über, mit denen sich im Laufe der Zeit eine enge Symbiose entwickelte.

Dies ging sogar soweit, daß gegen Ende des 5. Jahrhunderts Mischehen zwischen Toba und Chinesen, insbesondere zwischen Toba-Adeligen und chinesischen Großgrundbesitzern, dringend empfohlen wurden und ein kaiserlicher Erlaß herausgegeben wurde, nach dem sich die Toba in bezug auf Sprache und Kleidung den Chinesen anzupassen hätten. Auch wurde die Umwandlung der meist zwei- oder mehrsilbigen Toba- bzw. Xianbi-Familiennamen in einsilbige chinesische Familiennamen angeordnet. Auch das Kaiserhaus selbst, an dem nun offiziell chinesisch gesprochen wurde, änderte seinen Namen in den chinesischenFamiliennamen Yuan ab.

Während der Nördlichen Wei-Dynastie war immer wieder das Volk der Rouran von Norden her in China eingefallen. Um die Reichsgrenze zu sichern, errichteten die Nördlichen Wei sechs große Militärstützpunkte entlang der Grenze. Eine Meuterei, die von dort ihren Ausgang nahm und bald darauf sowohl die Toba als auch die chinesische Bevölkerung erfaßte, kündigte bereits das Ende der Dynastie an.

Diese Zerfiel im Laufe der Ereignisse noch in vier kleine Dynastien, welche jedoch nur von kurzer Dauer waren. Während der Norden Chinas von 304 bis 386 (bzw. 439) in 16 Teilstaaten aufgesplittert war und sodann unter der Nördlichen Wei-Dynastie geeint von 386 bis 534 ein mächtiges Reich darstellte, herrschte im SĂĽden nach der Ă–stlichen Jin-Dynastie noch vier weitere chinesische Dynastien, die Liu-Song- (420 bis 479), die SĂĽdliche Qi- (479 bis 502), die Liang- (502 bis 557) und die Chen-Dynastie (557 bis 589), bevor sich das gesamte Reich mit seiner nördlichen und sĂĽdlichen Hälfte, durch die Sui-Dynastie erneut geeint, wieder zu einem mächtigen Imperium entwickelte. 

Die Zeit zwischen dem Untergang der Ă–stlichen Han-Dynastie und der Reichseinigung durch die Sui wird nach den sechs Dynastien (Wu, Ost-Jin, Sing, Qi, Liang und Cheng), welche ihre Hauptstadt in Nanjing hatten, auch als die Zeit der Sechs Dynastien (Liu-chao) bezeichnet.                   nach oben

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