Han Dynastie

Fr├╝he westliche Han-Dynastie

206 v. Chr - 9 n. Chr.

Nachdem Liu Bang den Kampf gegen seinen Erzfeind, den Aristokratengeneral Xiang Yu, f├╝r sich entscheiden konnte, bestieg er als Kaiser Gao-Zu der Han-Dynastie den Thron. Der Name ┬╗Han┬ź geht auf einen Flu├č in Zentralchina zur├╝ck. Die Han-Dynastie z├Ąhlt zu den glorreichsten Epochen chinesischer Geschichte. Deshalb bezeichnen Chinesen sich bis auf den heutigen Tag h├Ąufig als Han-ren, als ┬╗Han-Menschen┬ź. Um ihre Herrschaft wieder ├╝ber das ganze Reich zu gewinnen, ├╝bernahmen die Han-Kaiser - wenngleich in etwas abgeschw├Ąchter Form - das streng zentralisierte System der Qin. Da nach dem Sturz der Qin-Dynastie eine Reihe von ehemaligen Teilstaaten bzw. Gebieten wieder ihre Unabh├Ąngigkeit suchten, galten die Bestrebungen der ersten Han-Kaiser prim├Ąr dem Bem├╝hen, die Einheit des Reiches wieder vollst├Ąndig herzustellen und zu konsolidieren.

Daneben aber drohte nun Gefahr von au├čen. In den Steppen- und W├╝stengebieten im Norden und Nordwesten Chinas war das nomadische Reitervolk der Xiongnu, die ostasiatischen Hunnen, die bereits fr├╝her in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Chinesen verwickelt gewesen waren, zu gro├čer Macht erstarkt. Insbesondere zu Zeiten, in denen China mit Schwierigkeiten im Innern zu k├Ąmpfen hatte, zeigten die Hunnen besondere Angriffslust. Schon der erste Han-Kaiser Gao-Zu sah sich ihrer Bedrohung so sehr ausgesetzt, da├č ihm keine andere Wahl blieb, als sich durch die ├ťbergabe einer kaiserlichen Prinzessin zur Verm├Ąhlung mit dem Hunnenkaiser ┬╗freizukaufen┬ź. Solche und ├Ąhnliche Taktiken sind auch in sp├Ąteren Zeiten noch des ├Âfteren zur Beseitigung verschiedener Gefahrensituationen angewandt worden.

Den H├Âhepunkt ihrer Machtentfaltung erreichte die Han-Dynastie unter Wu-di, de, ┬╗kriegerischen Kaiser┬ź (141 bis 87 v.Chr.) Um das Han-Imperium von den dauernden Angriffen der Xiongnu zu befreien, unternahm Wu-di eine Reihe gro├čangelegter Feldz├╝ge nach Norden gegen dieses ungest├╝me Reitervolk. Im Verlaufe mehrerer auch f├╝r die chinesische Seite sehr verlustreicher Kriege gelang es Wu-di, die Xiongnu vorl├Ąufig im Norden zur├╝ckzuschlagen und vor allem aus dem Ordos-Gebiet in Shaanxi zu vertreiben, wobei ein Teil der Hunnen sich ihm ergaben. Da die Gefahr damit jedoch noch keineswegs gebannt war, entsandte er im Jahr 139 v.Chr. einen seiner Heerf├╝hrer namens Zhang Qian nach Zentralasien, um dort das Volk der Yuezhi als Bundesgenossen gegen die Hunnen f├╝r sich zu gewinnen. Die Yuenzhi, auch Tocharer genannt, waren ein indogermanischer Volksstamm, der fr├╝her einmal von den Xiongnu aus Gansu vertrieben worden war und sich nach Westen ├╝ber das Pamirgebirge abgesetzt hatte. General Zhang Qian, der auf seiner Expedition den Xiongnu in die H├Ąnde gefallen und von diesen ├╝ber ein Jahrzehnt gefangengehalten worden war, konnte die Yuezhi, die keine Lust mehr zeigten, sich als Bundesgenossen der Chinesen in K├Ąmpfe gegen das m├Ąchtige Hunnenreich verwickeln zu lassen, nicht f├╝r seine Pl├Ąne gewinnen und mu├čte unverrichteter Dinge in seine Heimat zur├╝ckkehren, wo er im Jahre 126 v.Chr. eintraf. Auch einer zweiten Mission Zhang Qians zu den Wusun, einem ebenfalls indoeurop├Ąischen Volksstamm im Ili-Tal n├Ârdlich des Tarimbechens, war kein Erfolg beschieden. Wenngleich durch die Expedition Zhang Qians die erhofften milit├Ąrischen B├╝ndnisse nicht zustande kamen, brachten es den Chinesen doch reiches Wissen ├╝ber die ┬╗Westgebiete┬ź (Xi-yu), das hei├čt ├╝ber Zentralasien, das nach chinesischen Berichten damals aus 36 kleinen K├Ânigreichen bestand, sowie ├╝ber verschiedene, noch weiter im Westen gelegene L├Ąnde. Sehr aufschlu├čreich und von gro├čem Interesse waren f├╝r die Chinesen auch die Berichte einer Gesandtschaft, die bis nach Ferghana, damals von den Chinesen Dayuan genannt (heute in Westturkestan gelegen), vorgedrungen war.

Die ganze Regierungszeit des Kaisers Wu war gekennzeichnet von heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den kaiserlichen Han-Armeen und den Truppen des Xiongnu-Reiches, an dessen Spitze ein Shanyu, ein ┬╗Himmelssohn┬ź, stand und eine Armee von zirka 300 000 Mann anf├╝hrte. ├ähnlich wie Alexander der Gro├če schwebte auch Wu-di die Herrschaft ├╝ber ein gewaltiges Imperium bzw. die Ausweitung seines Machtbereiches vor Augen. Zum anderen war er gezwungen, in einer Art Selbstverteidigung sein Land und sein Volk vor den an der gesamten Nordgrenze des Reiches immer wieder einfallenden Xiongnu-Horden zu sch├╝tzen. Ein weiterer Grund f├╝r seine zahlreichen milit├Ąrischen Operationen in diesem W├╝sten- und Steppengebiet im Westen und Nordwesten Chinas war sein Bestreben, die gro├če Karavanenstra├če zwischen China und dem Westen, das hei├čt, die Verkehrsverbindung vom chinesischen Kaiserreich im Osten bis zum R├Âmischen Reich im fernen Westen aufrechtzuerhalten und sicherzustellen. Wenngleich auch die Chinesen bei verschiedenen Auseinandersetzungen mit den Hunnen mitunter schwere Verluste, ja sogar Niederlagen hinnehmen mu├čten, so gelang ihnen in den Jahren 121 und 119 v.Chr. doch zwei einschneidende Siege ├╝ber die Hunnen.
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Im Jahre 212 v.Chr. besiegte der Han-General Huo Qubing mit 10 000 Reitern ein starkes Hunnenheer, und 119 v.Chr. f├╝gte Generalfeldmarschall Wei Qing, dem vier weitere Gener├Ąle unterstanden, mit 50 000 Reitern den Hunnen eine vernichtende Niederlage zu, bei der 19 000 Xiongnu-Reiter get├Âtet wurden bzw. in chinesische Gefangenschaft gerieten. In der Folge feiern Huo Qubing nochmals einen gro├čen Erfolg, als er 80 Hunnenh├Ąuptlinge in seine Gewalt brachte. Diese Feldz├╝ge stellen die letzten gro├čen Kriegsexpeditionen gegen die Hunnen dar. Durch die Zur├╝ckdr├Ąngung der Xiongnu war es Wu-di gelungen, das Territorium und die Einflu├čsph├Ąre des Han-Imperiums nach Westen und nach Nordwesten hin gewaltig auszuweiten. Ausgedehnte Gebiete Zentralasiens bis hin zum Pamir, einschlie├člich des Tarimbekens und der an der Peripherie dieses Beckens gelegenen Stadtstaaten mit gr├Â├čtenteils indoeurop├Ąischer Bev├Âlkerung wurden nunmehr dem Han-Reich tributpflichtig bzw. gelangten unter chinesische Oberhoheit.

Diese neuerworbenen Gebiete haben im Laufe der Geschichte Chinas auf der einen Seite oft in starkem Ma├če zu einer gewaltigen Machtentfaltung des Reiches beigetragen, auf der anderen Seite, wenn das Reich innerlich geschw├Ącht war, auch stets eine Gefahr dargestellt, da verschiedene L├Ąnder und V├Âlker dieser Region in einer solchen Situation nicht selten auch um mehr Selbst├Ąndigkeit oder sogar um ihre Unabh├Ąngigkeit k├Ąmpften. Dies hatte zur Folge, da├č gro├če Teile dieser Region zu Zeiten der Schw├Ąche des Reiches verloren gingen und nach neuerlicher Konsolidierung der Zentralgewalt wieder neu erobert werden mu├čten. In Jahre 103 v.Chr. erlitten die chinesischen Truppen erneut eine Niederlage durch die Hunnen. Ein Jahr sp├Ąter schickte der chinesische Kaiser seinem General Li Guangli, der bereits 104 v.Chr. mit einer starken Expeditionsarmee in Richtung Ferghana aufgebrochen war, unterwegs jedoch durch eine Niederlage sowie durch Hungersnot den gr├Â├čten Teil seiner Truppen verloren hatte, eine Verst├Ąrkung von 60 000 Mann, um eine Strafexpedition gegen Dayuan durchzuf├╝hren. Nach gewaltigen Strapazen, denen ein gro├čer Teil seiner Truppen erlegen war, erreichte General Li mit 30 000 die Hauptstadt von Ferghana und belagerte sie. Nach 40 Tagen Belagerungszeit, w├Ąhrend der die Einwohner von ihrer Wasserversorgung abgeschnitten worden waren, brach in der Stadt ein Aufstand aus. Hierauf unterbreiteten hohe Beamte der Stadt General Li Vorschl├Ąge von Gegenleistungen, zu denen sie bereit w├Ąren, wenn er die Stadt nicht einn├Ąhme. Nach Einwilligung erhielt der General einige Duzend jener ber├╝hmten ┬╗Reitpferde himmlischer Zucht┬ź an denen dem Kaiser Wu-di soviel gelegen war, sowie 3000 gew├Âhnliche Pferde. Nachdem er anschlie├čend noch ein gewissen Mei Cai zum K├Ânig von Dayuan ernannt hatte, zog er wieder ab. ├ťber ein halbes Jahrhundert sp├Ąter, im Jahre 42 v.Chr., ├╝berquerte eine weitere chinesische Armee von 40 000 Mann das Pamirgebirge und zerschlug in Sogdien eine Gruppe von Xiongnu auf der Flucht sowie ein bewaffnetes Truppenkontingent r├Âmischer Legion├Ąre.

Zur Konsolidierung der neu erworbenen Gebiete wurden auf die Gro├če Mauer nach Westen hin bis zur Stadt Yumen (Jade-Tor) erweitert und in dem sowohl strategisch als auch f├╝r den Ost-West-Handel so wichtigen Gansu-Korridor, dem Tor von China nach Zentralasien, 700 000 Chinesen angesiedelt.

Aber nicht nur nach Westen und Nordwesten, sondern auch nach Norden und Nordosten hin betrieb Wu-di eine Expansionspolitik. Im Jahre 108 v.Chr. kam es zur Eroberung von Chaoxian, einem Gebiet, welches das heutige Nordkorea und einen Teil der ehemaligen Mandschurei umfa├čte. Durch die Errichtung von vier Milit├Ąrkommandanturen, von denen sich die wichtigste in dem 400 000 Einwohner z├Ąhlende Luolang, der heutigen nordkoreanischen Hauptstadt Py├Ângyang, befand, wurden diese neuen Gebiete abgesichert. Sehr viel weniger M├╝he als die Erweiterung nach Westen und Nordwesten machte Wu-di die Einverleibung von Gebieten im S├╝den und S├╝dosten des Landes, und zwar aus zwei Gr├╝nden: Einmal gab es dort kein mit dem m├Ąchtigen Hunnenreich bzw. dem gut organisierten Hunnenheer vergleichbares Machtpotential, das den Han-Truppen ernsthaft Widerstand h├Ątte entgegensetzen k├Ânnen. Zum anderen handelt es sich - was den Raum Guangdong, Guangxi und Nordvietnam betrifft - um Gebiete, die, wie wir gesehen haben, zum gr├Â├čten Teil bereits unter der Qin-Dynastie unterworfen und von den Han-Truppen sozusagen nur wiedererobert worden sind. Im Gegensatz zu den Gebietseroberungen im Westen und Nordwesten konnten die neu hinzugewonnenen Gebiete im S├╝den und S├╝dosten Chinas in der Folgezeit leichter unter chinesischer Kontrolle gehalten werden, wenngleich auch in diesem Gebiete noch fast ein Jahrtausend verging, bis der Gro├čteil der Bev├Âlkerung - vorwiegend durch Einwanderungsbewegungen aus dem Norden - ethisch und sprachliche sinisiert war. Durch die Feldz├╝ge des Kaisers Wu erfuhr das Han-Imperium eine gewaltige Ausweitung. Erstmals erlangten Chinesen hierdurch auch konkrete Kenntnisse von den ┬╗Westgebieten┬ź bzw. auch von Staaten, die noch weiter im Westen lagen. Bisher war ihre wesentliche Quelle ├╝ber diese Gebiet der ┬╗Klassiker der Berge und Meere┬ź (Shanhai-jing), der zum Teil bereits aus der Zeit vor der Han-Dynastie stammt und reicht phantasievolle Beschreibungen der L├Ąnder und Lebewesen in diesem fernen Westen bietet: V├Âgel, Fische, Schlangen mit Menschenh├Ąuptern, Fische mit zehn K├Ârpern, aber nur mit einem gemeinsamen Kopf, Schildkr├Âten mit Vogelk├Âpfen, Fische mit Fl├╝geln, H├╝hner mit Menschenk├Âpfen usw.

Wenngleich auch der Han-Staat - ├Ąhnlich wie vorher das Qin-Reich - ein stark zentralistisch gef├╝hrter Staat war, so duldeten die Han-Kaiser unter sich doch auch die Existenz von K├Ânigreichen und F├╝rstent├╝mern, weil dadurch das Reich leichter zu regieren war. Die bereits erw├Ąhnten milit├Ąrischen Expeditionen und Gebietseroberungen, deren Absicherung durch umfangreiche Grenzschutztruppen sowie der Bau von Strassen, Kan├Ąlen, Pal├Ąsten, Grabanlagen und ├Ąhnlichem verschlangen im Laufe der Zeit nat├╝rlich gewaltige Summen. Um diese aufzubringen, mu├čten dem Volk gro├če Opfer abverlangt werden; ├Ąhnlich wie unter den Qin wurden auch w├Ąhrend der Han-Zeit die Bauern, die den gr├Â├čten Teil der Bev├Âlkerung darstellte, beim Bau der oben genannten Projekte zu Frondiensten, die zun├Ąchst nur einen Monat, sp├Ąter bis zu drei Monaten im Jahr dauerte, herangezogen, Ferner wurden eine Vielzahl von Steuern erfunden, wie z.B. Grundsteuer, Kopfsteuer, Einkommensteuer, Gewerbesteuer, Kriegsdienststeuer, Fahrzeugsteuer, Bootssteuer, Pferdesteuer usw. (auf Grund der verbl├╝ffenden ├ähnlichkeit dieser zwei Jahrtausende alten Begriffe mit der steuerpolitischen Begriffs- und Fachterminologie des 20. Jahrhunderts ergeben sich - wenn wir vielleicht die Pferdesteuer noch mit unserer Mineral├Âlsteuer gleichsetzten, bei der sonst so schwierigen ├ťbersetzung groteskerweise keinerlei Probleme).

K├╝nstler und Kaufleute mu├čten ihr Verm├Âgen offenlegen und entsprechend Steuern entrichten. Salz, Eisen und Alkohol wurden zum Staatsmonopol erkl├Ąrt, Kupferm├╝nzen in gro├čen Mengen gepr├Ągt, das Geld abgewertet. Zu Zeiten gro├čen Ernte├╝berschusses kaufte der Staat billiges Getreide an, um es in Notzeiten mit Gewinn wieder zu verkaufen. Ferner wurde die Staatskasse auch durch den Verkauf von Titeln und R├Ąngen aufgef├╝llt. Gro├čgrundbesitzer, Reiche und M├Ąchtige im Lande wurden zu gro├čen Schenkungen gezwungen. Doch all diese Mittel reichten nicht mehr aus, die Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen. Vor allem kostete auch die Unterhaltung des f├╝r die Verwaltung notwendig gewordene Beamtenapparats, der nach Sch├Ątzung ├╝ber 130 000 Personen umfa├čte, viel Geld. Hierzu kommt noch, da├č die Bev├Âlkerung der Han-Zeit stark angewachsen war. Eine Volksz├Ąhlung im Jahre 2 n.Chr. ergab eine Bev├Âlkerung von rund 60 Millionen Menschen. Die Anbaufl├Ąche bzw. der Ackerboden Gesamtchinas betrug zur gleichen Zeit etwas ├╝ber eine halbe Million Quadratkilometer. Die Gro├čgrundbesitzer, die ihrerseits das Land wieder an Bauern verpachtet hatten, waren bis zu einem gewissen Grad von den Steuern ausgenommen. Die normalen Bauern jedoch sahen sich einem st├Ąndig steigenden Steuerdruck ausgesetzt. Dies hatte zur Folge, da├č immer mehr Bauern infolge der starken Ausbeutung ihren Grund und Boden verloren und ein Betteldasein f├╝hren mu├čten. Die Zahl der Gro├čgrundbesitzer nahm immer mehr zu, die der gew├Âhnlichen Bauern jedoch immer mehr ab. Auch Handwerk, Kleinindustrie (Eisenverarbeitung, Weberei, Kleiderfabrikation usw.) und Handel, welch fr├╝her in der Hauptstadt Chang'an (das ist das heutige Xi'an in der Provinz Shaanxi) sowie in anderen St├Ądten wie Luoyang, Chengdu, Handan, Nanyang usw. stark aufgebl├╝ht waren, stagnierten oder gingen zur├╝ck.

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