Mythologie

Mythologie und Ritus im Alten China
 Himmel und Erde entstehen

Das, was wir heute als Himmel und Erde bezeichnen, war vor undenklichen Zeiten ein durcheinandergewirbeltes "Ding" von der eif├Ârmiger Gestalt. Inmitten dieses Eis aber formte sich ein Wesen, Pan Gu, das einem Menschen glich.

Nach achtzehntausend Jahren strebte alles, was hell und klar war innerhalb des Eis, empor und wurde zum Himmel. Alles Dunkle und Tr├╝be hingegen senkte sich herab und wurde zur Erde. Pan Gu schwebte zwischen beiden und wuchs und wuchs - so wie auch Himmel und Erde wuchsen. Der Himmel wurde immer h├Âher, die Erde immer fester und Pan Gu immer gr├Â├čer. So vergingen wieder achtzehntausend Jahre.

Als Pan Gu starb, wurden aus seinem Atem Wind und Wolken, aus seiner Stimme das Dr├Âhnen des Donners, aus seinem linken Auge die Sonne, aus seinem rechten der Mond, aus seinen Armen und Beinen die Vier Himmelsrichtungen, aus seinen Knien, den Ellbogen und der Stirn die F├╝nf Heiligen Berge Chinas, aus seinem Blut die Str├Âme und Fl├╝sse, aus seinen Sehnen und Adern die Falten, Furchen und H├Âhlungen der Erde, aus seinem Fleisch die Felder und Weiden, aus seinen Haaren und seinem Bart die Gestirne des Himmels, aus seinen K├Ârperhaaren die B├Ąume und Gr├Ąser, aus seinen Z├Ąhnen und Knochen die Metalle und Steine, aus seinem Mark, Perlen und Jade, aus seinem Schwei├č die Feuchte des Himmels und die Regenschauer. So kehrte Pan Gu, der zugleich mit Himmel und Erde gewachsen war, im Tode zur├╝ck in die Welt und lebte weiter in ihr als Licht der Sonne und Sterne und in allem, was die Erde schm├╝ckt und ziert.                                    nach oben

Die Urmutter N├╝gua erschafft die Menschen

Die Erde war nun wohnlich geworden, und sie war reich an Leben aller Art. Nur Menschen gab es noch nicht.Unbekannt ist, woher die Urmutter N├╝gua kam, doch eines Tages war sie da. Einsam und allein weilte sie auf der weiten Erde. Eines Tages, am Ufer eine Sees, als sie gerade mit ihren H├Ąnden im Lehm w├╝hlte, kam ihr pl├Âtzlich die Idee, Figuren zu formen, die ihrem Ebenbild gleichen. Das tat sie, und kaum hatte der Lehm menschliche Form angenommen, kam Leben in ihn.

Den ganzen Tag formte N├╝gua sorgf├Ąltig Wesen aus Lehm. Schlie├člich aber, m├╝de von der Arbeit, riss sie, um sich ihre Arbeit zu erleichtern, ein langes St├╝ck Schlingpflanze von einem Baum. Sie r├╝hrte Lehm mit Wasser zu einem dicken Brei, tauchte die Schlingpflanze in den Brei und wirbelte sie ├╝ber ihrem Kopf, so dass kleine Lehmkl├╝mpchen ringsum zur Erde fielen. Und auch diese begannen sich, sobald sie die Erde ber├╝hrten, zu regen wie menschliche Wesen. Doch leider waren sie nicht so sorgsam geformt wie die ersten Figuren, weshalb es noch heute gro├če Unterschiede und Ungerechtigkeiten unter den Menschen gibt.

nach oben


N├╝gua stellt die Ordnung von Himmel und Erde wieder her

Der Himmel ist den alten Vorstellungen zufolge aus neun Stockwerken aufgebaut, die man die neun Himmel nennt. Jeder Himmel ist von den anderen durch eine von Tigern und Panthern bewachte T├╝r getrennt und ist einem der Torh├╝ter des Herrschers der H├Âhe unterstellt. Der Herrscher der H├Âhe ist jene g├Âttliche Instanz am Ursprung aller Dinge, die zugleich die himmlische und die irdische Welt regiert.  Seit der Shang-Dynastie (ca. 16. bis 11. Jhdt. v. Chr.) wurde der Himmel als ein Gott mit Namen Shangdi ("Kaiser in der H├Âhe") personifiziert. Dieser Gott ist jedoch kein Weltsch├Âpfer, sondern repr├Ąsentiert den nat├╝rlichen Himmel in h├Âchster Instanz.
Unter dem Himmel befindet sich die Erde, die auf acht S├Ąulen ruht. Sie enth├Ąlt neun Provinzen, neun Berge, neun P├Ąsse, neun S├╝mpfe, acht Arten von Winden und sechs Wasserl├Ąufe.
Gonggong, der Geist des Wassers, ein urzeitliches Ungeheuer hatte in seiner Wut, weil es ihm nicht gelang, die Herrschaft ├╝ber die Welt zu erlangen und im Kampf gegen den Geist des Feuers unterlag, die Ordnung des Himmels gest├Ârt, indem er eine der vier kosmischen S├Ąulen, den Berg Buzhou, auf der der Himmel ruht, so ersch├╝tterte, dass der Himmel in eine Schieflage geriet. Die Erde war nun an vielen Stellen geborsten, die W├Ąlder brannten lichterloh und eine gewaltige Flut drohte die ganze Erde zu ├╝berschwemmen.

 N├╝gua, voll Mitleid mit den Menschen, flickte das Himmelsdach mit verschmolzenen Steinen von f├╝nf Farben, fixierte es mit den F├╝├čen einer Schildkr├Âte. Die ├╝berflutenden Wassermassen stoppte sie mit Schilfrohrasche. Damit stellte N├╝gua die Ordnung der Welt wieder her, wenngleich sie auch nicht alle Sch├Ąden, die durch Gonggong angerichtet wurden, beheben konnte. Der Himmel blieb auch weiterhin im Nordwesten ein wenig eingeknickt (weshalb die Sonne immer nach Westen zieht), und die Erde war im S├╝dosten eingebrochen. Ein tiefer Graben hatte sich dort gebildet, und alle Str├Âme Chinas flie├čen deshalb s├╝dostw├Ąrts und bilden dort ein gewaltiges Meer.

 nach oben


Die Drei Erhabenen und der Beginn der menschlichen Gesellschaft

In der Morgenr├Âte der Zeiten treten die Drei Erhabenen (San Huang) in Erscheinung. Fuxi, N├╝gua und Shennong legten mit einer gro├čen Anzahl von Erfindungen den Grundstein zur menschlichen Gesellschaft und trennten den Mensch vom Tier und von den G├Âttern, womit die Verwirrung, die in der Welt herrschte, ein Ende hatte.
Fuxi  (Taihao, Das Gro├če Leuchten), der - wie auch N├╝gua - meist mit einem Schlangenleib und einem Menschenkopf, halb Mensch halb Tier, dargestellt wird, wurde von Huaxu ("Bl├╝tenall") geboren, der G├Âttin der neun Fl├╝sse und Personifizierung des Sternenhimmels und der Erdmaterie zugleich. Huaxu wandelte in den Fu├čspuren des "Gro├čen Menschen" (die wechselnden Erscheinungsbilder des Mondes am Nachthimmel wurden als die Fu├čspuren eines "Gro├čen Menschen" angesehen, der oben auf der Oberfl├Ąche des Sternenzeltes ├╝ber den Himmel schreitet). Sie ahmte den Weg des "Gro├čen Menschen" nach, so dass diese Nachahmung das Wesen ihres Kindes, Fuxi, bildete und ihn zum "Sohn des Himmels" machte.
Dem lunaren Charakter von Fuxi entspricht seine Doppelnatur, halb Schlange, halb Mensch, Yin und Yang. Erst in der konfuzianischen Tradition wurde Fuxi entmystifiziert und als Mensch und weiser K├Ânig dargestellt. Sobald die Welt in Ordnung gebracht worden war, vereinigten sich Fuxi und N├╝gua als Bruder und Schwester, als Gatte und Gattin. Fuxi tr├Ągt als Attribut das Winkelma├č (Symbol der religi├Âsen und magischen Kr├Ąfte, der Erde und des M├Ąnnlichen), N├╝gua das Attribut des Kompasses (Symbol des Weiblichen).  Fuxi erfand die Acht Trigramme des Yijing, die den Wandel des Mondes in acht Phasen darstellen, ebenso wie auch den Fischfang und die Jagd ("er z├Ąhmte die hundert Tiere"). Seine Regierungszeit dauerte 120 Jahre.
Auf die Herrschaft von Fuxi und N├╝gua folgte Shennong, der G├Âttliche Landmann (auch Yandi genannt, der Rote oder Flammende Kaiser), der den K├Ârper eines Menschen und den Kopf eines Stieres hatte. Seine Mutter wurde vom Kopf des himmlischen Drachens ber├╝hrt, ehe sie den G├Âttlichen Landmann zur Welt brachte.
Als Shennong herrschte, waren die Zeiten, als es gen├╝g Fr├╝chte und Beeren gegeben hatte, vorbei. Die Menschen n├Ąhrten sich von rohem Fleisch und wildgewachsenen Kr├Ąutern. Shennong lehrte die Menschen die Kunst des Kochens und Bratens und brachte ihnen den Ackerbau, indem er sie lehrte, die f├╝nf Getreidesorten zu pflanzen und den Pflug zu benutzen. Seine Erfindungen betreffen alle den Bereich der Ern├Ąhrung, und er gilt als Autor des ersten Kr├Ąuterbuches, einer Materia Medica. Er richtete M├Ąrkte ein, damit die Menschen Tauschhandel treiben k├Ânnen. Aus den Acht Trigrammen von Fuxi schuf Shennong die 64 Hexagramme. Unter seiner Herrschaft, die 120 Jahre dauerte, lebten die Menschen wie Br├╝der und Schwestern miteinander. Steitigkeiten waren ihnen unbekannt.                                                                                                                     nach oben


Huangdi, Shaohao, Zhuanxu, Diku, Tangyao und Shun

Die Mutter von Huangdi, der Shennong nachfolgte, wurde von Blitzen auf dem Berg Xuanyuan schwanger, und die Schwangerschaft mit ihm dauerte 20 Jahre. Vom Augenblick seiner Geburt an jedoch konnte Huangdi sprechen.
Nach dem Tode von Shennong wurden die Menschen von einem kriegsw├╝tigen Riesen mit Namen Xing Tian heimgesucht und geknechtet. Dieser hatte einen Kopf aus Kupfer und eine Stirn aus Erz. Mit Vorliebe a├č er Felsbrocken und Eisenklumpen. Er war boshaft, grausam und herrschs├╝chtig. Eines Tages machte sich deshalb der F├╝rst des B├Ąrenlandes auf, um die Menschen von der Herrschaft Xing Tians zu befreien. Mit Hilfe der Tiere, allen voran den m├Ąchtigen B├Ąren, besiegte der F├╝rst des B├Ąrenlandes den Riesen und wurde von den Menschen unter dem Namen Huang Di (Gelber Kaiser) als Herrscher anerkannt
Um die Welt einzurichten und Platz f├╝r den Menschen zu schaffen, begann Huangdi damit, die W├Ąlder niederzubrennen, Behausungen zu bauen und die Menschen, die bislang ihre Bl├Â├če mit Kleidern aus Fellen und Gr├Ąsern bedeckten, das Weben zu lehren, w├Ąhrend seine Frau die Seidenraupenzucht einf├╝hrte. Auch gilt Huandi als der Erfinder und Gott des Ofens. Huangdi dressierte B├Ąren, Leoparden, Panther, Luchse und Tiger und fuhr in einem von Drachen gezogenen Wagen, dem Tiger und W├Âlfe vorausgingen und dem die Geister nachfolgten. Die Schrift ist das Werk seines Ministers Cangjie (er hatte zwei Augenpaare, um damit Himmel und Erde gleichzeitig sehen zu k├Ânnen). Die ersten Zeichen, die urspr├╝nglich der Vermittlung, der Kommunikation zwischen Himmel und Erde dienten, entwarf er, indem er die von V├Âgeln auf dem Boden hinterlassenen Spuren beobachtete und nachahmte. Huangdi wird als Eroberer und Richter gesehen, als Gott des Berges Kunlun und des Zentrums der Erde. Er gilt als der Autor des Huang Di Nei Jing und Begr├╝nder des Daoismus. In der daoistischen Tradition ist er auch der Schutzgott der Kunst des Schlafzimmers, um die Lebenskraft zu pflegen und zu steigern. Seine Regierungszeit dauerte 100 Jahre. Shaohao (Jintian), der Huangdi nachfolgte, erfand Pfeil und Bogen und regierte 100 Jahre. Ihm folgte Zhuanxu (Gaoyang), der 78 Jahre regierte, diesem Diku (Gaoxin) und Tangyao (Taotang). Tangyao, der von einem roten Drachen gezeugt wurde, gilt als Musterbeispiel eines weisen Herrschers, der dank seiner Tugend regierte. Nachdem er 73 Jahre regiert hatte, entschied er sich f├╝r seinen Minister Shun (Yuyu) als Nachfolger. Auch dieser gilt als vollkommener Herrscher.                                               nach oben


Gun und Yu

Kaiser Tangyao und sein Volk hatten w├Ąhrend dessen Regierungszeit mit einer verheerenden Sintflut zu k├Ąmpfen. Sie stieg so hoch, dass sie alles Land ├╝berschwemmte. Der Kaiser befragte die weisen Ratgeber seines Reiches und beauftragt zuerst Gun und dann Yu, um den Fluten Herr zu werden.

Yu und sein Vater (Gun) sind im Mythos zwei g├Âttliche Gestalten, die durch ihre Taten als symbolische Verkleidungen des zunehmenden (Gun) und des abnehmenden Mondes (Yu) gekennzeichnet sind. Die Nacht wurde in dieser Zeit als tiefes Tal verstanden, in dem sich das Wasser des glitzernden Sternenmeeres sammelt. Mit dem Anbruch des Tages, der sich als Berg aus dem Nachtmeer erhebt, flie├čen die Wasser ab. Der Wechsel von Tag und Nacht bedeutet also ein rhythmisches Heben und Senken der Wassermassen wie Ebbe und Flut. Mit dem Einbruch der Nacht beziehungsweise mit dem ├ťberhandnehmen der Nacht in der Winterzeit wurde die Welt immer wieder ├╝berschwemmt ("Die Wassermassen stiegen zum Himmel empor, unermesslich umwogten sie die Berge, ├╝berfluteten die H├╝gel. Das Volk hingegen versank in der finsteren Tiefe" - Shangshu, "Buch der Dokumente").
Die B├Ąndigung der Wassermassen war notwendig, der Wechsel von Trockenheit und ├ťberschwemmung (und mystisch zwischen Tag und Nacht) musste reguliert werden. Zuerst wurde Gun mit der Aufgabe betraut, die Welt wieder in Ordnung zu bringen. Eine Schildkr├Âte und ein Falke brachten Gun bei, wie man D├Ąmme baut. Gun entwendete, um die Flut einzud├Ąmmen, dem Himmelskaiser den Mond (den "atmenden Stein", die "atmende Erde").  Doch je h├Âher Gun die D├Ąmme baute (das himmlische Vorbild des Dammes ist der durch fortgesetztes Zunehmen entstehende Vollmond), desto h├Âher stieg auch die Flut. Der Himmelskaiser, auch ├╝ber den Diebstahl des atmenden Steines erbost, zitierte Gun auf den "Fl├╝gelberg" (Federberg, yushan), wo er ihn hinrichten lie├č. 
Drei Jahre liegt seine Leiche auf dem Fl├╝gelberg ohne zu verwesen (allmonatlich bliebt der abnehmende Mond, "nachdem er in die Sonne gestorben ist", drei Tage verschwunden, um dann wieder zu erscheinen), dann wurde seine Leiche mit einem S├Ąbel aufgeschnitten und heraus kam sein Sohn und Nachfolger Yu, sp├Ąter "Yu der Gro├če" (Da Yu) genannt. Yu, der den abnehmenden Mond symbolisiert (ebenso wie der S├Ąbel, der seine Geburt bewirkte), beschritt den umgekehrten Weg wie sein Vater.
Er versucht nicht, das Wasser einzud├Ąmmen, sondern bem├╝hte sich darum, es abflie├čen zu lassen, indem er Gr├Ąben und Kan├Ąle aushob. Gun und Yu sind damit (im mythischen Bereich) als die Erfinder der Bew├Ąsserungstechnik zu sehen, die auf der mythologischen Ebene das Prinzip bedeutet, entgegengesetzte Zust├Ąnde "wechselweise miteinander in Einklang zu bringen" ("Einmal schlie├čen, einmal ├ľffnen, das nannten sie Wechsel. Dass das Gehen und Kommen nicht aufh├Ârt, nannten sie Durchg├Ąngigkeit" - Dazhuan, "Gro├čer Kommentar").             nach oben

 

Der Gro├če Yu, Gr├╝nder der Xia-Dynastie

Auf Shun folgte Yu, ein Enkel des Zhuanxu, der in der ├ťberlieferung einstimmig als zumindest halbhistorische Pers├Ânlichkeit anerkannt wird (etwa 2207 - 2198 v. Chr.). Er regierte 45 Jahre und gr├╝ndete die erste Dynastie Chinas, die Xia-Dynastie, die bis ca. 1766 v. Chr. regierte. Auch er hatte - wie Fuxi, N├╝gua und Shennong - halb menschliche und halb tierische Z├╝ge: den Schnabel eines Vogels mit langem Hals, den K├Ârper einer Schlange und einen menschlichen Kopf. Auch hatte Yu die F├Ąhigkeit, sich sowohl in einen B├Ąren wie auch in einen Vogel zu verwandeln. Als Yu in Gestalt eines B├Ąren eine Frau so erschreckte, dass sie sich auf der Stelle in einen gro├čen Stein verwandelte, wurde aus diesem Stein, den er mit seinem Schwert entzweischlug, sein Sohn geboren.
Yu war der erste, der die Grenzen der Welt bestimmte. Er schritt die Welt ab und z├Ąhlte dabei seine Schritte (vom ├Ąu├čersten Norden zum ├Ąu├čersten S├╝den, ebenso vom ├Ąu├čersten Westen zum ├Ąu├čersten Osten jeweils 233 500 Li und 75  Schritte), um die neun Provinzen einzugrenzen. Yu war es auch, dem das "magische Quadrat", die "Schrift vom Flu├č Luo" (Luoshu) als Zeichnung auf dem R├╝cken einer Schildkr├Âte offenbart wurde. In diesem als Weltplan zu verstehendem Quadrat sind die Zahlen von eins bis neun so angeordnet, dass die einander gegen├╝berliegenden Zahlen zusammen immer die gleiche Summe ergeben, n├Ąmlich zehn.

Yu war - ebenso wie Huang Di  - ein Schmied, der aus dem aus fernen Gegenden mitgebrachten Tribut neun Kessel als gl├╝cksbringende Symbole des K├Ânigtums gegossen hat. Diese Kessel wurden von Dynastie zu Dynastie bewahrt, bis sie in den Fluss geworfen wurden, um zu verhindern, dass sich der Qin-Kaiser Shi (er regierte von 221 bis 207 v. Chr. und vollendete den Bau der Gro├čen Mauer) ihrer bem├Ąchtige.
Der Schmied hatte in fr├╝herer Zeit eine ganz besondere Stellung, weil er sich in seiner Arbeit zu einem Herren ├╝ber die Elemente erhebt und einen Vorgang beherrscht, der mit dem der Zeugung verglichen wurde. Seine Kunst der Verschmelzung und Verwandlung des Metalls erhebt ihn auf die Ebene der G├Âtter und bringt ihn mit jenen geheimnisvollen Kr├Ąften in Verbindung, die die Menschen regieren.

 Yu wollte, ebenso wie es vor ihm gehandhabt wurde, die Kaiserw├╝rde dem T├╝chtigsten als Nachfolger ├╝berlassen. Das Volk jedoch verehrte ihn so sehr, dass es, nachdem Yu gestorben war, seinen Sohn auf den Thron hob - von nun an war die Thronfolge erblich.                                                                           nach oben

 
Der Kaiserliche Opferkult und der Beginn des Konfuzianismus

Die alte chinesische Himmelreligion artikulierte sich in sp├Ąterer Zeit vor allem im kaiserlichen Opferkult. Dieser hatte den urspr├╝nglichen Sinn, durch die symbolische Nachahmung der verg├Âttlichten Himmelserscheinungen in eine magische Verbindung mit ihnen zu treten und die Manifestationen des Himmels in der Menschenwelt zu etablieren (vgl. "Fr├╝hling und Herbst des L├╝ Bu-Wei" und das "Buch der Riten, Sitten und Br├Ąuche" - Liji). Durch das Opfer ("ji" bedeutet zugleich auch Verbindung, Beziehung), durch den Ritus wird eine Verbindung mit dem Himmel geschaffen, eine symbolische Korrespondenz mit ihm. Zugleich wird damit die Ordnung der Welt hergestellt und aufrechterhalten.
Die Struktur des Himmels ist den Menschen immanent. Beide sind von gleicher Art, aus den gleichen Kategorien gebildet. Durch diese Analogie stehen Mensch und Himmel in wechselseitiger Resonanz, und der Mensch - in exemplarischer Form vor allem der Herrscher - muss sich in seinem Verhalten der Ordnung des Himmels anpassen, wie es in den Vorschriften des rituellen Kalenders festgelegt ist. Jede Abweichung davon erzeugte als Resonanz des Himmels Unregelm├Ą├čigkeiten im Ablauf der Jahreszeiten, die zu D├╝rre, ├ťberschwemmungen und anderen Naturkatastrophen f├╝hren w├╝rden ("Man darf den Lauf des Himmels nicht ├Ąndern. Man darf die nat├╝rlichen Linien der Erde nicht durchbrechen. Man darf die Ordnungen des Menschenlebens nicht st├Âren" - Fr├╝hling und Herbst des L├╝ Bu We).
Die fortschreitende Entmythologisierung, die zunehmende Abkehr von der schamanistischen Geisteshaltung der Fr├╝hzeit ist im besonderen mit Konfuzius (Kung Dsi, sein Gelehrtenname war Dschung Ni ; 551 bis 479 v. Chr.) verbunden, dessen Schule die sp├Ątere Staatsphilosophie bis zur Neuzeit bestimmte. Konfuzius entmythologisierte das im mythologischen Geist des Schamanimus verfasste Schrifttum und stellte es selektiv unter dem Gesichtspunkt einer praktischen, auf den "Weg des Menschen" bezogenen Staats- und Moralphilosophie zusammen und deutete es in diesem Sinne auch um. Die urspr├╝nglich lunare Ausrichtung wurde damit in den Hintergrund gedr├Ąngt. 
War es im hohen Altertum das Hauptziel, den Weg des Himmels zu erforschen, so war es im mittleren Altertum dann die Erforschung der Angelegenheiten des Menschen. Das Zeitalter der Heiligen auf dem Thron war damit vor├╝ber und die Hierarchie des Feudaladels wurde von Konfuzius in eine Hierarchie der Moral umgedeutet. Den Kern und die Grundlage des Konfuzianismus bildetet letztlich die Pflege der Ehrfurcht, die ihre Basis in der Familie, im Verh├Ąltnis der Kinder zu ihren Eltern hat (und sich auch im Ahnenkult ausdr├╝ckt).  

Dieser Wechsel in der Geisteshaltung fand seinen Niederschlag vor allem in der Zeit der Streitenden Reiche (475 bis 221 v. Chr.) mit einer Vielzahl verschiedener Standpunkte und Perspektiven. Die Schule von Laozi (Lao Tse) und Zhuangzi (Dschuang Dsi), die an der Geisteshaltung des vorkonfuzianischen Schamanismus festhielt, bildete quasi das konservative Lager. 
Die Lehren von Laozi und Zhuangzi etablierten sich im Daoismus, bildeten einen eigenen geistesgeschichtlichen Gegenpol zur konfuzianischen Staatsphilosophie und lebten in der Volksreligion weiter. Der Daoismus erlebte in der Han-Zeit ( 206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) eine gewisse Renaissance, was auch die konfuzianische Staatsphilosophie beeinflusste. In der sp├Ąteren Han-Zeit (um 184 n. Chr.) eroberte ein aus M├Ąnnern und Frauen gemischtes Heer der daoistischen Sekte der "Gelben Turbane" (Chuangjin), die sich durch mystische Ekstase unbesiegbar im Kampf w├Ąhnten, gro├če Teile des Reiches, ehe sie von den kaiserlichen Gener├Ąlen besiegt wurden.  

nach oben

 


Rituelle Leitmotive

Begr├╝ndet wurde die Weltsicht der (traditionellen) chinesischen Kultur, wie wir sie heute kennen, im Zeitalter der Drei Dynastien (Sandai), der Xia-, Shang- und Zhou-Dynastie (ca. 21. Jhdt. bis 221 v. Chr.). Die Gestaltung und Umgestaltung der Rituale und ihrer spezifischen kosmischen Perspektive ver├Ąnderte und synthetisierte sich innerhalb dieser drei Dynastien zurheute ├╝berlieferten Form.
Das Leitmotiv der Xia-Kultur (ca. 21. bis 16. Jhdt. v. Chr.) war die Schattenseite des Mondes, der Nachthimmel. Opfergaben wurden deshalb nicht verbrannt, sondern in der Erde vergraben oder im Wasser versenkt ("dem Mond opferten sie in einer Grube" - Liji). Und indem man die Toten in die Erde vergrub - das Erdinnere entspricht dem Nachthimmel - versetzte man ihre Seelen als Sterne an den Himmel.
In der anschlie├čenden Shang-Kultur (ca. 16. bis 11. Jhdt. v. Chr.) hingegen wurde der Himmel als Taghimmel definiert, dessen strahlendes Zentrum, die Sonne, die Residenz des h├Âchsten Gottes Shangdi ("Kaiser in der H├Âhe") war, der die Welt beherrschte ("der Sonne opferten sie auf einem H├╝gel" - Liji).

Im Vordergrund standen hier das Brandopfer und die Panzer- und Knochenorakel  (diese beruhen auf Rissen in Knochen oder Panzern, die durch die Hitze eines symbolischen Sonnenfeuers, in einem Scheiterhaufen, entstehen).
In der Zhou-Kultur schlie├člich (11. Jhdt. bis 221 v. Chr.) verbanden sich die (lunaren, weiblichen) Traditionen der Xia mit den (solaren, m├Ąnnlichen) Traditionen der Shang, und im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Vereinigung, die Konjunktion von Sonne und Mond, die die Mitte und Einheit des Himmels bedeutet, in der sich alle Gegens├Ątze aufheben bzw. konzentrieren (wenn der Altmond, der bis auf eine hauchd├╝nne Sichel nur noch seine Schattenseite zeigt, bei Tagesanbruch im blendenden Licht der Sonne verschwindet) - was der Manifestation des Himmels auf der Erde entspricht. 
Die systematische Darstellung dieser Synthese ist das Yijing, das "Buch der Wandlung", dessen Texte gleichsam symbolische Niederschriften der "Schrift des Himmels" (tianwen) sind (nach chinesischer ├ťberlieferung waren die Hauptautoren des Yijing der Zhou-K├Ânig Wenwang, dem man die Hauptspr├╝che zu den Hexagrammen zuschriebt, und sein Sohn Zhougong, der die Spr├╝che zu den einzelnen Linien verfa├čt haben soll). Die innovative Dimension, in der sich die Zhou-Synthese darstellte, war der Schrifttext (wen). Die Naturreligion wurde in der konfuzianischen Tradition zur Buchreligion, dessen Grundlage vor allem die "F├╝nf Klassischen B├╝cher" (wujing) waren, die an die Stelle des direkten Bezuges zum Himmel traten. Diese "F├╝nf Klassischen B├╝cher", die "das Wissen der erleuchteten Heiligen Menschen des Altertums ├╝berliefern", sind das Shangshu ("Buch der Dokumente"), das Shijing ("Buch der Lieder"), das Liji ("Buch der Riten"), das Yijing ("Buch der Wandlungen") und die "Fr├╝hling- und Herbstanalen                                                         nach oben                                                                                                                        zur├╝ck           weiter