Song Dynastie

Song Dynastie
960-1280

Dieser Zeitraum wird im wesentlichen beherrscht von der Song-Dynastie (960 bis 1280), die ihrerseits in eine Nördliche (960 bis 1127), und eine SĂŒdliche (1127 bis 1280) unterteilt wird, der Liao-Dynastie (907 bis 1125), der die Westliche Liao-Dynastie (1125 bis 1199) folgte, der Jin-Dynastie (1115 bis 1234) sowie dem Reich der Tanguten, auch Xi-xia, Westliche Xia-Dynastie (1038 bis 1227), genannt.

Wenngleich es Zhao Kuangxin gelungen war, die Macht ĂŒber die meisten Kleindynastien und Staatengebilde wieder an sich zu reißen und die Einheit des Reiches unter der von ihm gegrĂŒndeten Song-Dynastie weitgehend wiederherzustellen (die vollstĂ€ndige Einigung erfolgte erst unter seinem Nachfolger), so wies doch das neugegrĂŒndete Song-Reich nicht annĂ€hernd jene territoriale Ausdehnung und Macht auf, die seinerzeit das Han- und auch das Tang-Imperium gekennzeichnet hatten. Sowohl Zentralasien als auch Annam, frĂŒher dem chinesischen Reich einverleibt, standen wĂ€hrend der Song-Dynastie nicht mehr unter chinesischer Oberhoheit. Außerdem mußte der Song-Staat – im Laufe seiner Existenz stĂ€ndig von außen bedroht – immer grĂ¶ĂŸere Gebiete, am Ende der Nördlichen Song-Dynastie sogar ganz Nordchina, an seine Nachbarvölker, die sich dieses Gebiet bemĂ€chtigt hatten, abtreten.  

Wiedererstarken der Nomadenvölker im Norden, das Reich der Khitan

 Im Norden, Nordwesten und Nordosten Chinas waren nĂ€mlich verschiedene Nomadenvölker wieder gewaltig erstarkt und hatten in diesem Raum nach chinesischem Vorbild mĂ€chtige Dynastien gegrĂŒndet. So hatte sich im Gebiet Koreas, Nordostchinas und der Mongolei unter dem StammesfĂŒrsten Apaoki, der sich 907 zum Kaiser ausrufen ließ, das Volk der Khitan zu einem mĂ€chtigen Staatsgebilde entwickelt, das fĂŒr die Chinesen eine arge Bedrohung darstellte. Die Khitan waren ein nomadisches Reitervolk, das in bezug auf seine ethnische Zugehörigkeit bis heute abstammungsmĂ€ĂŸig von der Wissenschaft noch nicht eindeutig eingeordnet werden konnte. So wird es von manchen mit den Mongolen, von anderen wiederum mit den TĂŒrken oder Tungusen in Verbindung gebracht. Möglicherweise handelt es sich bei diesem Steppenvolk auch um einen Verband von mehreren unterschiedlichen Völkerschaften der obengenannten StĂ€mme. Die Unklarheit ĂŒber die Abstammung der Khitan haben ihre Ursache vor allem darin, da ihre Sprache bis heute noch nicht bekannt ist und ihre Schrift noch immer nicht entziffert werden konnte, obwohl die Wissenschaft, vor allem die Japanische Sinologie, sehr viel Energie und Zeit in die Lösung dieses Problems investiert hat. Der Name des Khitan-Volkes ist damals auch in den Vorderen Orient und nach Europa eingedrungen und vielerorts z.B. in den slawischen Sprachen (russische: Kitai), zur Bezeichnung fĂŒr Nordchina, spĂ€ter fĂŒr Gesamtchina, geworden. Der Dynastiename der Khitan ist (seit 937) Liao, benannt nach dem Liao-Fluß in der Mandschurei, dem heutigen Nordostchina. Die Hauptstadt der Khitan war ursprĂŒnglich Linhuang in der Ostmonglolei, von dort wurde sie aber noch unter dem DynastiegrĂŒnder Apaoki nach Yanjing, dem heutigen Peking, verlegt. Neben Yanjing hatten die Khitan allerdings noch mehrere ResidenzstĂ€dte, in denen sie sich temporĂ€r aufhielten. Das Reich der Khitan bestand aber nur zu einem geringen Teil aus Angehörigen des Khitan-Volkes, wenngleich dessen Oberschicht alle wichtigen SchlĂŒsselstellungen im Liao-Staat innehatte. Die breiten Massen der Bevölkerung setzten sich vor allem aus Han-Chinesen und verschiedenen anderen kleineren Völkerschaften zusammen. Insgesamt war die Gesellschaft der Khitan aus zwei sehr unterschiedlichen Gruppen gebildet: auf der einen Seite die Masse der Seßhaften Han-Bevölkerung, die vorwiegend Ackerbau, daneben aber auch Viehzucht betrieb, und auf der anderen Seite das nach wie vor nomadisch lebende Reitervolk des Khitan-Stammes. Da sich die Liao, die ihre Staatsmacht ungefĂ€hr zur selben Zeit ausbauten wie die chinesische Song-Dynastie sĂŒdlich von ihnen, mit ihrem Territorium nicht begnĂŒgten, sonder immer wieder EinfĂ€lle in das chinesische Song-Gebiet machten, kam es hĂ€ufig zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Khitan und den Chinesen. Schon in den ersten Jahrzehnten nach der DynastiegrĂŒndung waren 16 chinesische PrĂ€fekturen in Hebei (mit Peking) und Shanxi unter Khitan-Oberhoheit gekommen, und im Jahre 986 mußten die Chinesen mehrere Niederlagen gegen die Khitan, die mit einem Heer von 100 000 Mann nach SĂŒden vorrĂŒckten, hinnehmen und weitere Landgebiete und StĂ€dte an die Aggressoren aus dem Norden abtreten. Nachdem die KĂ€mpfe noch fast zwei weitere Jahrhunderte andauerten, wobei aber keine der beiden Seiten einen entscheidenden Sieg erringen konnten, kam es 1005 zum Friedensvertrag von Shanyuan. Bei diesem Friedensschluß mußte die chinesische Song-Dynastie bedeutende ZugestĂ€ndnisse machen und sich zu einer jĂ€hrlichen Tributleistung von 100 000 Silbertaels (taels ist eine Gewichtseinheit fĂŒr SilberwĂ€hrung) und 200 000 Ballen Seide an die Khitan verpflichten. Durch diesen Friedensvertrag war der Machtbereich dieser beiden Dynastien in Nordchina abgesteckt und der Friede in dem Raum, den sich nun beide MĂ€chte teilten, zumindest fĂŒr eine gewissen Zeit wieder gesichert.                                                                                                                     nach oben

 Das Reich der Dschurdschen

 Im Jahr 1115 machte sich der tungusische Volksstamm der Ruzhen aus Heilongjiang, die bisher Vasallen der Khitan gewesen waren, selbstĂ€ndig und grĂŒndete die Jin-(=Gold-)Dynastie.

Wir haben gesehen, daß die Song-Dynastie ihren Herrschaftsbereich in Nordchina mit dem Volk der Khitan teilen mußte. Neben den Khitan und den Jin entstanden aber auch im Nordwesten Chinas ein weiterer neuer Staat, der sich von China abspaltete und dem Song-Reich immer wieder durch ÜberfĂ€lle zu schaffen machte: das Reich der Xi-xia (=Westliche Xia) (1038 bis 1227).

 Das Reich der Tanguten

Beim Volk der Xi-xia oder Tanguten, wie sich auch genannt werden, handelt es sich um ein Volk, das von den tibetischen Qiang abstammt.

Ähnlich wie die Liao-Dynastie der Khitan war auch die Xi-xia-Dynastie der Tanguten, die im Raum der heutigen Provinz Gansu und Qinghai, in Nord Shaanxi sowie Ningxia lebten, ein Verband von Völkerschaften unterschiedlichsten Ursprungs wie Tanguten, Tibetern, TĂŒrken und Chinesen, von denen allerdings erstere die FĂŒhrungsschicht und wahrscheinlich auch das Hauptbevölkerungskontingent bildeten. Auch in seiner Sozialstruktur Ă€hnelte der Xi-xia-Staat dem der Liao: Hier existierten jeweils eine seßhafte Bevölkerungsschicht von Bauern sowie eine von Viehzucht treibende Nomaden nebeneinander. Die grĂ¶ĂŸte Bedeutung kam dem Volk der Tanguten aber wegen seiner ungemein gĂŒnstigen geographischen Lage am Ost-West-Korridor von Gansu zu, in dem sich der gesamte Handelsverkehr von und nach Zentralasien bzw. von und nach dem chinesischen Kernland abwickelte.

Von ihrer Religion her gesehen waren die Tanguten Buddhisten. Sie haben eine eigene Schrift entwickelt, die im Gegensatz zur Khitan-Schrift zumindest zum Teil entziffert ist. Der weitaus grĂ¶ĂŸere Teil ihrer Literatur ist buddhistisch-religiösen Inhalts, daneben wurden aber auch eine Reihe taoistischer und konfuzianischer Schriften aus dem Chinesischen ins Tangutische ĂŒbersetzt. Insgesamt sind noch Tausende von Xi-xia-Schriften erhalten geblieben, die vom regen literarisch-geistigen Leben dieser tibetisch-chinesischen Mischkultur zeugen.

Da auch die Tanguten, Ă€hnlich wie die Khitan, stĂ€ndig EinfĂ€lle in das chinesischen Song-Reich unternahmen, Die Song-Kaiser jedoch auf Grund ihrer militĂ€rischen SchwĂ€che nicht in der Lange waren, zu einem Gegenschlag auszuholen, verfolgte die Song-Regierung auch in diesem Falle dieselbe Politik wie gegen die Khitan. Durch einen Vertrag (1043) schloß man einen Nichtangriffspakt und garantierte sich gegenseitig friedliche Koexistenz und LoyalitĂ€t. Doch die Chinesen mußten den Frieden im Reich teuer bezahlen. Das Ende der Xi-xia Dynastie wurde durch den berĂŒhmten Mongolenherrscher Dschingis-Khan herbeigefĂŒhrt, als er den Tanguten-Staat 1227 mit seinen Reiterhorden in Grund und Boden vernichtete. Es war dies sein letzter Kampf, denn er kam vor den Toren der Xi-xia-Hauptstadt Ningxia (heute Yinchuan im Autonomen Gebiet Ningxia) ums Leben.

Von den Tanguten kehren wir nun wieder zu den Dschurdschen (Ruzhen) zurĂŒck, die im Jahr 1115 die Jin-Dynastie (1115 bis 1234) gegrĂŒndet und 1127 die Khitan vernichtend geschlagen hatten. Bei den Jin handelt es sich um einen tungusischen Volksstamm, dessen Nachfahren von 1644 bis 1911 unter dem Dynastie-Namen »Qing« nochmals fast drei Jahrhunderte lang die Geschicke Chinas lenkten. Wie in den beiden erstgenannten Staaten (Khitan und Xi-xia) waren auch im Jin-Reich, dessen Stammland in der Mandschurei im Nordteil der Nordostchinesischen Tiefebene bei Harbin liegt, nicht nur Dschurdschen, sondern auch noch eine Reihe anderer Völker beheimatet. Um die 16 PrĂ€fekturen, die die Liao den chinesischen Song entrissen hatten, wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, verbĂŒndeten sich die Song mit den Jin. Dadurch war natĂŒrlich das KrĂ€ftedreieck, das auch in der Zeit vorher zwischen Song-, Liao- und Xi-xia-Dynastie durch Diplomatie stĂ€ndig im Gleichgewicht gehalten werden mußte, zuungunsten der Liao zusammengebrochen. Die Liao wurden von Jin-Truppen vernichtet, doch die Jin waren nicht bereit, den Song ihre eroberten 16 PrĂ€fekturen zurĂŒckzuerstatten. Von ihrem BĂŒndnispartner tief enttĂ€uscht, machten die Song nun einen letzten Versuch, zu retten was noch zu retten war.

Doch die siegessicheren Jin sahen ihre Chance gekommen, ihr Reich durch die Eroberung weiterer Gebiete zu vergĂ¶ĂŸern, und forderten von den Chinesen die Provinz Hebei und Hedong und die Anerkennung des Huang He als Grenzfluß zwischen den beiden Staaten. Gleichzeitig drangen die Jin-Truppen immer weiter nach SĂŒden vor und ĂŒberschritten sogar den Gelben Fluß. Arg in BedrĂ€ngnis geraten, zog sich der Song-Kaiser Hui-zong sodann auf den Rat seines Sohnes hin aus der Hauptstadt Kaifeng, die 1126 von den Jin eingenommen wurde, zurĂŒck. Damit war der ganze Norden fĂŒr die Song verloren, die Jin breiteten sich aus und begannen, ihre neu hinzuerworbenen Gebiete zu konsolidieren. Kaiser Hui-zong und sein Nachfolger Qui-zong zogen zusammen mit vielen Adeligen in die Gefangenschaft.

Damit war die Song-Herrschaft, die von diesem Zeitpunkt (1127) an SĂŒdliche Song-Dynastie genannt wird, auf SĂŒdchina und einen Teil Zentralchinas beschrĂ€nkt. Ihr erster Kaiser war Gao-zong (1127 bis 1162), der in Begleitung von Beamten und Soldaten den Yangzi ĂŒberquert hatte und sich in Lin’an, dem heutigen Hangzhou in der Provinz Zhejiang, das nunmehr zur Hauptstadt gemacht wurde, niedergelassen hatte. Von dort aus versuchten die Song, ihr altes Gebiet in Nordchina wieder zurĂŒckzuerobern. Umgekehrt unternahmen auch die Jin immer wieder neue Angriffe gegen die Chinesen im SĂŒden und versuchten, ihr Territorium bin an den Yangzi-Fluß, den sie sogar ĂŒberquert hatten, zu erweitern. Sie wurden jedoch von den chinesischen Truppen immer wieder zurĂŒckgeworfen und erlitten schwere Verluste. Vor allem der chinesische General Yue Fei, bis in unser 20. Jahrhundert hinein noch Symbol fĂŒr Heldenmut und Patriotismus, hat sich in dieser Zeit einen unsterblichen Namen gemacht. Doch nicht auf ihn, sondern auf den verrĂ€terischen Qin Gui hatte der Kaiser gehört. Die Truppen um Qin Gui erreichte, daß ein Friedensvertrag, der vor allem den Interessen der Großgrundbesitzer entsprach, abgeschlossen und Yue Fei hingerichtet wurde. In diesem Friedensvertrag (von 1141) wurden die Grenzen zwischen beiden Staaten festgelegt und die SĂŒdlichen Song zu einer jĂ€hrlichen Tributleistung von 250 000 Ballen Seide verpflichtet. Die Jin versprachen ihrerseits, unter anderem die Leichen des verstorbenen Kaisers Hui-zong und der beiden Kaiserinnen ĂŒberfĂŒhren zu lassen sowie die RĂŒckfĂŒhrung einer noch lebenden Kaiserin.                                                    nach oben

 Dschingis-Khan

WĂ€hrend in China, dem grossen Reich der Mitte, Barbarenvölker und Chinesen teil um die Hegemonie rangen, teils in verzweifelter Ohnmacht in der ihnen aufgezwungenen Koexistenz zur UntĂ€tigkeit verurteilt waren, brauten sich im nördlichen Himmel dĂŒstere Gewitterwolken zusammen. Dort drĂ€ngte ein kriegerisches Volk langsam, aber unaufhaltsam auf die große BĂŒhne der Weltgeschichte: Die Mongolen. Unter ihrem Herrscher Dschingis-Khan (1155 bis 1227), den seine StammeshĂ€uptlinge im Tigerjahre 1206 an der Onon-Quelle zu ihrem FĂŒhrer gewĂ€hlt hatten, und seinen Söhnen und Enkeln sind die Mongolen zur stĂ€rksten Macht Asiens geworden und haben das grĂ¶ĂŸte Reich der Welt, das je existierte, gegrĂŒndet. Das mĂ€chtige Mongolenimperium reichte von Pazifischen Ozean in Osten bis tief nach Europa im Westen. Wie ein brausender Sturm durchzogen die Mongolenhorden den eurasischen Kontinent. Auch in China griffen sie mĂ€chtig in den Lauf der Geschichte ein: 1227, noch unter Dschingis-Khan, unternahmen sie einen Rachefeldzug gegen die Tanguten (Xi-xia), zerschmetterten das Volk und verwĂŒsteten das Land. 1234 vernichteten sie die mĂ€chtige Jin-Dynastie in Nordchina, und in den folgenden Jahrzehnten bemĂ€chtigten sie sich nach und nach ganz China. Bevor sie die Eroberung des Zentrums des SĂŒd-Song-Reichs in Angriff nahmen, fĂŒhrten sie ein großes TĂ€uschungsmanöver durch. Von Nordwesten kommend, eroberten sie zuerst Qinghai und besetzten anschließend Tibet und Yunnan. Dann rĂŒckten sie gleichzeitig nach Annam und nach Sichuan vor. Im Jahre 1276 nahmen sie unter ihrem AnfĂŒhrer Khubilai, einem Enkel des Dschingis-Khan, die Hauptstadt der SĂŒd-Song, Lin’an (=Hangzhou), ein. Obwohl ihnen in SĂŒdchina grĂ¶ĂŸere Truppenkontingente der kaiserlichen Armee lebhaften Widerstand leisteten, ließ sich die totale Niederlage nicht mehr vermeiden.

1279 eroberten die Mongolenheere Guangdong, die letzte Song-Bastie in SĂŒdchina, und beherrschten damit das gesamte chinesische Imperium.

Wie haben bereits gesehen, daß die Song-Kaiser außenpolitisch jedwede Konfrontation mit ihren Gegnern zu vermeiden trachteten und daß sie bereit waren, sich eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz mit ihren nördlichen Nachbarn durch Tributzahlungen, ja sogar Gebietsabtretungen teuer zu erkaufen. Auch innenpolitisch sahen sich die Song-Kaiser einer recht schwierigen Situation gegenĂŒber, und es galt, eine Reihe von Problemen zu lösen. Eines der wichtigsten hierbei war die Reduzierung der Macht der lokalen MilitĂ€rmachthaber; denn die Konzentration von zuviel Macht in den HĂ€nden einzelner HeerfĂŒhrer und GenerĂ€le hatte bereits zu Untergang der Tang-Dynastie gefĂŒhrt. Dies vor Augen, hat bereits der erste Song-Kaiser Tai-zu energische Maßnahmen zur Lösung dieses Problems ergriffen. Auf der einen Seite hat er die Macht der einzelnen MilitĂ€rkommandanten dadurch wesentlich eingeschrĂ€nkt, daß er ihren Wirkungsbereich auf eine einzige PrĂ€fektur einengte, auf der anderen dadurch, daß er verschiedene Stellen nach deren Freiwerden mit Zivilbeamten besetzte. Gleichzeitig hat er auch dafĂŒr gesorgt, daß die Eliteeinheiten des Reiches nicht an dessen Peripherie, sondern um die Hauptstadt herum stationiert waren, was allerdings auch bedeutende Nachteile mit sich brachte.

 Politik und Verwaltung

 Obwohl das Staatsgebiet der Song-Dynastie wesentlich Kleiner war als das der Han und der Tang, da sie es mit anderen Dynastien teilen mußten, fĂŒhrten die Song-Kaiser doch eine sehr viel straffere Organisation und vor allem mehr Zentralisation im gesamten Staatsapparat ein.

Schon Kaiser Tai-zu gelang es, eine Reihe wichtiger VerwaltungsĂ€mter direkt der kaiserlichen Kontrolle zu unterstellen und einen stark zentralistisch gefĂŒhrten Beamtenstaat zu errichten. So wurden wĂ€hrend der Song-Dynastie sowohl das MilitĂ€r- als auch das Finanzwesen im Rahmen staatlicher Behörden verankert und direkt der Zentralregierung unterstellt. FĂŒr das MilitĂ€rwesen zustĂ€ndig und verantwortlich war nunmehr ein »Geheimer Staatsrat« (shu-mi-yuan). Die lokale Finanzverwaltung wurde von Kontrollbeamten der Zentralregierung durchgefĂŒhrt. Die Verwaltungseinheiten im Lande blieben ungefĂ€hr dieselben wie wĂ€hrend der Tang-Zeit. Die Bezeichnung »dao« (Provinz) wurde jedoch durch eine neue, nĂ€mlich »lu« (wörtlich: weg) ersetzt.

Der Grund und Boden im Lande war zu einem betrĂ€chtlichen Teil wieder in den HĂ€nden von Großgrundbesitzern, Großkaufleuten, Adeligen und Beamten sowie im Besitz buddhistischer und taoistischer Klöster. Da diese Gruppen steuerlich eine Sonderstellung einnahmen und auch nicht zur Fronarbeit herangezogen wurden, lag die Hauptlast der Steuern wiederum auf den Schultern der Bauern, Handwerker und Kleinen HĂ€ndler. Durch die BauernaufstĂ€nde und die kriegerischen Auseinandersetzungen, die der GrĂŒndung der Song-Dynastie vorausgingen, war auch ein großer Teil der Äcker und Felder verwĂŒstet worden. Bergbau, Handel und Handwerk erlebten in der Song-Zeit eine starke AufwĂ€rtsentwicklung. In chinesischen Bergwerken wurde damals Gold, Silber, Kupfer, Blei, Eisen und Kohle gefördert. Auch in der Textilindustrie, den Webereien, der Papierherstellung, Porzellanmanufaktur und Lackwarenerzeugung fand ein bedeutender Aufschwung statt.                                                                                                        nach oben

 PrĂŒfungssystem

 Auch das PrĂŒfungssystem (»ke-ju«) erfuhr dahingehend eine VerĂ€nderung, daß die staatlichen PrĂŒfungen, die in der Regel eine Voraussetzung fĂŒr die Aufnahme in den Staatsdienst darstellten, ab dem Jahre 1065 alle drei Jahre stattfanden, wĂ€hrend sie bis dahin in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden abgehalten worden waren. Die PrĂŒfungen, an denen nur mĂ€nnliche Kandidaten teilnehmen durften, waren nach einem Dreistufensystem geordnet: Auf der untersten Ebene lagen die PrĂ€fekturprĂŒfungen, die in allen PrĂ€fekturstĂ€dten des Reiches abgehalten wurden. Wer diese mit Erfolg abgelegt hatte, konnte sich dem zweiten PrĂŒfungstyp, der HauptstadtprĂŒfung, unterziehen. Die dritte und höchste PrĂŒfung war die PalastprĂŒfung, zu der jene zugelassen wurden, welche die beiden ersten PrĂŒfungen bereits erfolgreich absolviert hatten. Im Unterschied zur Tang-Zeit mußte sich wĂ€hrend der Song-Zeit fast jeder, der eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen gedachte, diesem System unterziehen. Wesentlich seltener als noch in der Tang-Zeit war es wĂ€hrend der Song-Zeit möglich, ausschließlich durch »Beziehungen« mit RegierungsĂ€mtern betraut zu werden. Auch hing der Rang, den der Regierungsbeamte bekleidete, im wesentlichen davon ab, welche der drei StaatsprĂŒfungen er absolviert hatte. Da die Kandidaten nach bestandener PrĂŒfung zusĂ€tzlich noch nach ihrem PrĂŒfungserfolg gereiht wurden, spielte auch ihr Platz innerhalb dieser Reihung bei der Postenvergabe mit eine Rolle. Die Schriftlichen PrĂŒfungen waren anonym und fanden zum Teil in eigens fĂŒr diesen Zweck erbauten PrĂŒfungszellen von etwa 2 Quadratmeter GrundflĂ€che statt, in denen die Bewerber mehrere Tage und NĂ€chte eingeschlossen waren und streng ĂŒberwacht wurden.

Die finanzielle Situation des Staates war wĂ€hrend des ersten Jahrhunderts der Song-Regierung in bester Ordnung, und die Staatseinnahmen waren stetig im Steigen begriffen, da sich die Bevölkerung nach den politischen Wirren im 9. Und in der ersten HĂ€lfte des 10. Jahrhunderts mit viel Schwung und Energie beim Aufbau des neugegrĂŒndeten Song-Staates engagierte.

Ähnlich wie bei anderen Dynastien stellten sich auch bei den Song nach der anfĂ€nglichen AufwĂ€rtsentwicklung allmĂ€hlich eine gewisse Stagnation und dann sogar ein bedenklicher RĂŒckgang der Staatseinnahmen ein. Die Ursache dafĂŒr liegen zum einen darin, daß die Bevölkerung stark zugenommen und zum andern darin, daß sich die Song-Regierung auf Grund von VertrĂ€gen zu großen Tributzahlungen an die Fremdvölker im Norden verpflichtet hatte. Umgekehrt kam den Song hierbei noch zugute, daß sie nach ihrer Vertreibung aus dem Norden weithin im Besitz des fruchtbarsten sĂŒdchinesischen Ackerlandes geblieben waren. Die Bevölkerungszahlen fĂŒr die Song-Zeit werden in chinesischen Quellen fĂŒr das Jahr 1080 mit 33,3 und fĂŒr 1110 – nur 30 Jahre spĂ€ter – bereits mit 46,7 Millionen angegeben.                   nach oben

 Wang Anshi

Als der Staat wĂ€hrend der Regierungszeit des Kaisers Shen-zong (1068 bis 1086) in eine tiefe innere Krise geraten war, trat ein Politiker namens Wang Anshi (1021 bis 1086) mit einem Regierungsprogramm, durch das die Staatsfinanzen wieder in Ordnung gebracht werden sollten, an die Öffentlichkeit.

Eine seiner Maßnahmen sah vor, durch eine neue Landvermessung den Besitz und Boden aller Menschen im Staate genau festzustellen und entsprechend seiner FlĂ€che und seiner ErtragsfĂ€higkeit zu besteuern. Vor allem sollten dadurch auch die riesigen GĂŒter der Großgrundbesitzer einer gerechten Besteuerung zugefĂŒhrt werden. Ein weiteres Gesetz, das sogenannte »GrĂŒne-Staaten-Gesetz«, sah vor, den Bauern zinsgĂŒnstige staatliche Kredite unter PfĂ€ndung des noch unausgereiften Saatgutes zur VerfĂŒgung zu stellen. Durch diese Maßnahme sollte vor allem verhindert werden, daß die Bauern, wie es bisher hĂ€ufig der Fall war, gezwungen waren, Geld zu Wucherzinsen von Großgrundbesitzern oder Großkaufleuten zu leihen. Durch ein drittes Gesetz sollte eine Änderung der Steuereintreibung durchgefĂŒhrt werden. Zu diesem Zweck schlug Wang vor, die Steuer nicht wie bisher in Form von Naturalien aus verschiedenen Teilen des Reiches in die Hauptstadt transportieren zu lassen, sonder in verschiedenen großen StĂ€dten des Landes Speicher zu errichten, das als Steuer entrichtete Getreide dort zu lagern und direkt weiterzuverkaufen und den Erlös in Geld bei der Zentralregierung abzuliefern. Ein viertes Gesetz sah vor, daß man sich vor der jĂ€hrlichen vorgeschriebenen Fronarbeit durch die Entrichtung eines bestimmten Betrages freikaufen mußte. Bisher gab es eine Reihe von Gesellschaftsschichten, welche von der Ableistung jeder Fronarbeit befreit war. Ohne dafĂŒr irgendeine Gegenleistung erbringen zu mĂŒssen.

Im Rahmen des PrĂŒfungssystems war es Wang Anshi, wenngleich auch nur kurzfristig, gelungen, eine beachtenswerte Neuerung durchzufĂŒhren: Anstatt sich in die konfuzianischen Klassiker zu vertiefen, befaßte man sich (wĂ€hrend dieser kurzen Reformphase) mit Wirtschaft, Geschichte und Geographie, Rechtswesen und Medizin usw. Ferner erließ Wang Anshi, der 1069 zum Staatskanzler und zum Berater des Kaisers aufgestiegen war, mehrere Gesetze, durch welche die Armee, die zahlenmĂ€ĂŸig enorm angewachsen war, neu organisiert und durch ein Milizsystem verstĂ€rkt werden sollte. Eines dieser Gesetze schreib vor, daß jede Familie, die mehr als zwei mĂ€nnliche Angehörige hatte, einen Mann fĂŒr die Miliz bereitstellen mußte. Die neuen MilizverbĂ€nde waren prinzipiell nach Schutzeinheiten (bao) organisiert, wobei zehn Familien eine Schutzeinheit, 50 Familien eine Großschutzeinheit und 100 Familien eine Hauptschutzeinheit bildeten. Da die Song-Truppen ihren Angreifern aus dem Norden vor allem durch die SchwĂ€che ihrer Kavallerie unterlegen waren, erließ Wang Anshi auch ein Gesetz, durch das die chinesische Kavallerie verstĂ€rkt werden sollte. Um fĂŒr den Bedarfsfall möglichst viele Kriegspferde zur VerfĂŒgung zu haben, befahl der Staatskanzler, daß ein Teil der Pferde aus den kaiserlichen Kavalleriedepots den Bauern der Umgebung als Zugtiere und zur Feldarbeit leihweise ĂŒberlassen werden sollte. Die Bauern verpflichten sich ihrerseits, diese Pferde zu fĂŒttern (die Futterkosten konnten von der Naturalsteuer in Abzug gebracht werden), in gutem Zustand zu halten und im Kriegsfall unverzĂŒglich wieder dem zustĂ€ndigen MilitĂ€rkommando zu ĂŒbereignen. Durch diese Maßnahme ersparte sich der Staat eine Menge Geld und verfĂŒgte dennoch gleichzeitig ĂŒber eine große Zahl von Reitpferden fĂŒr den Kriegsfall.

Da diese Reformen, von denen hier nur die allerwichtigsten aufgezĂ€hlt wurden, den Interessen der Großgrundbesitzer und MĂ€chtigen zuwiderliefen, formierten sich diese bald zu einer starken Opposition unter FĂŒhrung von Sima Guang und einigen anderen. Wang Anshi mußte um Jahre 1076 zurĂŒcktreten. Nach dem Tode Shen-zongs drĂ€ngten sich wieder die Gegner Wang Anshis in den Vordergrund, wenngleich auch die Reformer weiterhin ihr Programm zu verwirklichen suchten, was ihnen in gewissem Umfang bis zum Untergang der Nördlichen Song-Dynastie auch gelang. Wenngleich die Song-Dynastie im Laufe ihrer langen Geschichte sehr intensiv mit Problemen ihrer Ă€usseren Sicherheit beschĂ€ftigt war und auch viele staatsinterne Probleme zu bewĂ€ltigen hatte, so war sie fĂŒr China dennoch eine Zeit, in der die chinesische Kultur in manchen Aspekten einen neuen glanzvollen Höhepunkt erreichte. Um den FlĂŒchtlings- und Einwanderungsstrom aus dem Norden miternĂ€hren zu können, war die Erweiterung bestehender und die Errichtung neuer BewĂ€sserungsanlagen notwendig geworden.                                                                  nach oben

 Ozeanschiffahrt

 WĂ€hrend der Song-Zeit wurden fast 500 Wasserspeicherprojekte errichtet. Auch der Handel erfuhr in diesem Zeitpunkt eine Intensivierung. Chinesische Schiffe ĂŒberquerten das SĂŒdchinesische Meer und den Indischen Ozean, und es kam zu einem Warenaustausch zwischen China, Indien, Westasien, Afrika, Japan und anderen LĂ€ndern. In China selbst wurde in dieser Zeit eine Vielzahl neuer StĂ€dte gegrĂŒndet. Das Schießpulver, den Chinesen bereits in der Tang-Zeit, wo es allerdings nur zur Herstellung von Feuerwerkskörpern Verwendung fand, bekannt, wurde nunmehr erstmals im Krieg zwischen den Song und den tungusischen Ruzhen im 12. Jahrhundert zu militĂ€rischen Zwecken eingesetzt. Auch eine Reihe von Luxus- und Spielzeugwaren, wie Dominosteine und Spielkarten, begegnen uns erstmals in dieser Zeit. Song-Porzellan war ein hochgeschĂ€tzter Exportartikel und wurde damals in großen Mengen ausgefĂŒhrt. WĂ€hrend man bisher in den HĂ€usern auf dem Boden gegessen hatte, werden in der Song-Zeit erstmals StĂŒhle verwendet. Auch die wunderschönen Parkanlagen und ZiergĂ€rten, die frĂŒher nur fĂŒr Kaiser und FĂŒrstenhöfe bestimmt waren, fanden nun eine große Verbreitung unter den Reichen und MĂ€chtigen des Landes. Die allmĂ€hliche Vermischung mit den verschiedenen Völkern des Nordens wie den Khitan, Dschurdschen, Ci-xia und anderen hatte natĂŒrlich auch bei den Chinesen einen gewissen inneren Angleichungsprozeß in bezug auf Wesen, Charakter und MentalitĂ€t zur Folge. KulturmĂ€ĂŸig sind diese Völker, Ă€hnlich wie spĂ€ter auch die Mongolen und die Mandschuren, auf Grund des starken KulturgefĂ€lles zwischen ihnen und den Chinesen meist in starkem Umfang von der chinesischen Bevölkerung absorbiert worden, wobei sie hĂ€ufig fast alle ethnischen Wesensmerkmale, einschließlich der Sprache, verloren haben.

 Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern

 Von großer Tragweite fĂŒr die weitere Entwicklung der chinesischen Kultur war aber vor allem die Erfindung des Buchdrucks. Bereits in der Han-Zeit waren die chinesischen Klassiker auf Steinstelen eingemeißelt worden, von denen dann mit Hilfe von Papier und Tusche sogenannte »Abreibungen« oder »Abklatsche« gemacht wurden. In der Tang-Zeit begegnen wir dann dem sogenannten Blockdruck, bei dem mit Holzblöcken gearbeitet wurde, in welche die einzelnen Schriftzeichen eingeschnitzt waren. Berits im 10 Jahrhundert wurden der gesamte buddhistische Kanon und die konfuzianischen Klassiker und im 11 Jahrhundert auch der taoistische Kanon gedruckt. Ebenfalls noch vor der Mitte des 11. Jahrhunderts erfanden Chinesen dann das sogenannte Druckverfahren mit beweglichen Lettern, die zunĂ€chst nach aus Kupfer, Porzellan oder aus Holz angefertigt waren. Durch die Erfindung des Buchdrucks breiteten sich Wissen und Kenntnisse aus den verschiedensten Bereichen mit großer Geschwindigkeit im ganzen Reich aus; darĂŒber hinaus kam es in der Song-Zeit zur GrĂŒndung von zahlreichen Schulen.

 Geschichtswissenschaft und Literatur

 Auch auf allen Gebieten der Wissenschaft und der Literatur wurden in der Song-Zeit großartige Leistungen vollbracht. Sima Guang, der große politische Gegenspieler von Wang Anshi, verfaßte im 11. Jahrhundert der »Allgemeinen Spiegel als Hilfe bei der Regierung« (zi-zhi tong-jian), eine vollstĂ€ndige Darstellung der Geschichte Chinas von 403 v.Chr. bis zum Jahre 959 n.Chr. Auf der Basis dieser monumentalen Geschichte schrieb im 12. Jahrhundert sodann der große konfuzianische Gelehrte und Historiker Zhu Xi (1130 bis 1200) ein weiteres Geschichtswerk mit dem Titel »Abriß des Allgemeinen Spiegels als Hilfe bei der Regierung« (zi-zhi tong-jian gang-mu). Diesem Werk kommt vor allem deshalb große Bedeutung zu, weil es im 18. Jahrhundert, vom französischen Jesuitenpater De Milla ĂŒbersetzt und bearbeitet, zur Hauptquelle westlichen Wissens ĂŒber die Geschichte Chinas wurde und bis ins 20. Jahrhundert hinein wesentlich zur Entstehung eines einseitigen und teilweise falschen Geschichtsbildes von China in Europa beigetragen hat. Neben einigen weiteren Werken ĂŒber die Geschichte Chinas sind in der Song-Zeit zwei große EnzyklopĂ€dien, das »Taiping yulan« mit 1000 Kapiteln und das »Taiping guangji« mit 500 Kapiteln entstanden. Ersteres ist vor allem deshalb bedeutend, weil es eine enorme FĂŒlle an AuszĂŒgen aus chinesischen Geschichtswerken, aus der Klassischen und aus der schöngeistigen Literatur der Vor-Song-Zeit beinhaltet, die nur noch in diesem Nachschlagewerk erhalten sind.

WĂ€hrend in der Tang-Zeit das Gedicht vom Typ des shi seine höchste BlĂŒte erlebte, kommt in der Song-Zeit ein anderer Typus, das ci, zu grĂ¶ĂŸter Entfaltung. WĂ€hrend ersteres durch ein sehr strenges Wort-Ton-System gekennzeichnet ist, handelt es sich beim zweiten um ein Gedicht, das ursprĂŒnglich zu einer bestimmten Melodie gesungen wurde und einen viel lockeren Aufbau aufweist. Dadurch konnte der Dichter seinen Gedanken viel freieren Lauf lassen als bei shi. HĂ€ufig wurde es nicht nur gesungen, sondern auch noch von Musikinstrumenten begleitet. Wie die einzelnen Melodien, nach denen die ci gesungen wurden, geklungen haben, lĂ€ĂŸt sich heute nicht mehr feststellen. Die in Nordchina entstandene ci-Gedichte weisen im allgemeinen einen hĂ€rteren und rauheren Charakter auf als die des SĂŒdens, die ihrerseits durch einen weichen und stimmungsvollen Inhaltsablauf gekennzeichnet sind. Von den vielen Song-Dichtern ragen vor allem zwei Namen hervor: Su Dongpo und Ouyang Xiu. Su Donpo ist sowohl durch seine Prosa als auch durch seine Dichtungen bekannt geworden. Neben der Literatur hat auch die Malei dieser Zeit, insbesondere die Landschaftsmalerei, Weltrum erlangt. Die Landschaftsmaler der Song-Zeit versuchten in ihre GemĂ€lde nicht so sehr, einzelne Details mit dem Pinsel festzuhalten, sondern dem Betrachter den inneren Geist in großen, aber ungemein feinen ZĂŒgen zu vermitteln.          nach oben

 Fußbinden

 Im 10. Jahrhundert kam in China der Brauch des »Fußbindens« bei Frauen auf, der sich allmĂ€hlich ĂŒber das ganze Land verbreitete und sich bis in unser Jahrhundert herauf erhalten hat. Schon im Alter von etwa fĂŒnf Jahren wurden den jungen MĂ€dchen die FĂŒĂŸe mit langen Bandagen so fest zusammengeschnĂŒrt, daß das weitere Wachstum unterbunden war und die FĂŒĂŸe dadurch immer mehr verkrĂŒppelten. Die Zehen (mit Ausnahme der großen Zehe) wurden dabei so eingebunden, daß die Zehenspitze unterhalb der Fußsohle nach hinten gerichtet waren. Dieser Vorgang, der sich oft ĂŒber Monate und Jahre erstreckte, war meist sehr schmerzhaft. Wenn die FĂŒĂŸe »ausgewachsen« waren, hatten sie ungefĂ€hr die halbe GrĂ¶ĂŸe eines normalen Fußes. Derartige »FĂŒĂŸchen«, chinesisch »Gold-Lotos« (jin-lian) genannt, galten in China als ein wesentliches Kriterium weiblicher Schönheit und wurden in der chinesischen Literatur in hunderten Geschichten und Gedichten quer durch die Jahrhunderte mit großer Inbrunst besungen. Gleichzeitig, so heißt es in chinesischen ErlĂ€uterungen zu diesem Thema, sollen die »Gold-Lotos«- Schönheiten durch einen viel anmutigeren und graziöseren Gang gekennzeichnet gewesen sein als ihre biederen Schwestern, die sich dieser Prozedur nicht unterzogen hatten und ihrer grĂ¶ĂŸeren FĂŒĂŸe wegen als »EntenfĂŒĂŸe« oder »Lotos-Boote« bezeichnet wurden.

Von seinem Ursprung her gesehen scheint das FĂŒĂŸeeinbinden auf das Vorbild kaiserlicher Hof- und HaremstĂ€nzerinnen zurĂŒckzugehen, die bei ihren VorfĂŒhrungen ihre Kleinen, grazilen, allerdings natĂŒrlichen FĂŒĂŸe mit besonderer Anmut zur Wirkung bringen verstanden. Neben dem Zweck, weibliche Schönheit durch einen zierlichen Fuß zu unterstreichen, wurde aber auch noch ein anderes Ziel verfolgt: die Frau, die ohnehin von den meisten gesellschaftlichen AktivitĂ€ten ausgeschlossen war, noch mehr ans Haus zu fesseln und eventuell Kontakte mit der MĂ€nnerwelt außerhalb der eigenen Sippe zu unterbinden. Gleichzeitig stellte»Gold-Lotos« auch ein Statussymbol dar: ein Symbol der UnterwĂŒrfigkeit von seiten der Frau, ein Symbol des Wohlstandes fĂŒr den Mann. Denn nur ein reicher Mann bzw. eine reiche Familie konnte es sich leisten, die Frau oder Mutter auf Lebenszeit in einen »goldenen KĂ€fig« zu sperren. In armen Familien wurde jede einzelne Person fĂŒr Haus- und Feldarbeiten benötigt, denn der Kampf ums tĂ€gliche Brot war in China immer hart.

Obwohl das »FĂŒĂŸebinden« durch kaiserliche Dekret und spĂ€ter durch die republikanische Regierung wiederholt verboten worden war, hat sich diese Sitte vereinzelt noch lange gehalten. Um die kommende Jahrtausendwende werden jedoch die letzten leisen »Gold-Lotos«-Tritte fĂŒr immer verhallt sein.

 Neokonfuzianismus

 In der Song-Dynastie hat der Konfuzianismus in Form des Neokonfuzianismus eine neue AusprĂ€gung bzw. Umgestaltung erfahren. Durch eine Reihe von Gelehrten wurde der Konfuzianismus, zum Teil unter dem Einfluß buddhistischer und taoistischer Gedankengutes, auf eine neue philosophische Grundlage gestellt. Dies ist nicht so zu verstehen, daß in dieser Zeit konfuzianische Werke mit grundlegend neuem Inhalt verfaßt worden wĂ€ren. Vielmehr wurden die alten konfuzianischen Klassiker aus einer anderen Sicht betrachtet, deren Gedanken neu geordnet und zu einem umfassenden, neuen GedankengebĂ€ude systematisch zusammengefaßt. Zu den wichtigsten Philosophen dieser Zeit gehören Zhou Dunyi (1017 bis 1073), Shao Yong (1032 bis 1085) und Cheng Yi 1033 bis 1107).

Als grĂ¶ĂŸter von diesen ragt Zhou Dunyi durch seine systematische Denkart hervor. In einer schematischen Darstellung, dem Sogenannten »Diagramm des Höchsten Urprinzips« (tai-ji-tu), und einer erklĂ€renden Schrift dazu versucht Zhou, alles Existierende von einem einzigen Urprinzip abzuleiten. Wie die philosophischen GedankengĂ€nge der anderen Song-Philosophen, so basiert auch die ganze Lehre des Zhou Dunyi ĂŒber das letzte Urprinzip und die Entstehung des Kosmos auf dem Buch der Wandlungen (yi-jing). Im yi.jing wird die Entstehung allen Seins auf die zweite Urkraft Yang und Yin zurĂŒckgefĂŒhrt. In einem Kommentar zu Yi-jing ist allerdings – im Gegensatz zum Yi-jing-Text selbst – darĂŒber hinaus auch noch von einem »Höchsten Urprinzip« (tai-ji) die Rede, das die zwei UrkrĂ€fte Yang und Yin hervorgebracht habe.                                  nach oben

 Das »Höchste Urprinzip«

FĂŒr Zhou Dunyi ist nun dieses »Höchste Urprinzip« der letzte Urgrund allen Seins, das nicht mehr auf ein anderes Sein zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann. In diesem »Höchsten Urprinzip« vollzieht sich nun – nach der Lehre des Zhou Dunyi – eine Bewegung, wodurch das Yang erzeugt wird. Nachdem die Bewegung wieder zum Stillstand gekommen ist, tritt absolute Ruhe ein, und aus dieser Ruhe wiederum entsteht das Yin. Aber auch der Zustand der Ruhe findet ein Ende, und es folgt erneut ein Zustand der Bewegung. Alternierend bringen Bewegung und Ruhe sich gegenseitig immer wieder hervor. Dadurch entstehen, voneinander getrennt, die KrĂ€fte des Yang und des Yin und deren gegenseitige Vereinigung entstehen sodann die fĂŒnf Elemente: Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde. Diesen entsprechen die fĂŒnf atmosphĂ€rischen PhĂ€nomene KĂ€lte, Hitze, Regen, Luft und Wind. Durch harmonische Verteilung der fĂŒnf atmosphĂ€rischen PhĂ€nomene treten dann die vier diesen entsprechenden Jahreszeiten in Erscheinung: der Wind, der Sommer, der FrĂŒhling und der Herbst. Dann geht ein neuer Verwandlungsprozeß vor sich: das eigentliche Wesen des »Höchsten Urprinzips« sowie der innere Kern der zwei UrkrĂ€fte Yang und Yin und der fĂŒnf Elemente durchdringen sich gegenseitig in geheimnisvoller Vereinigung Hierauf entsteht vom himmlischen Einfluß her das mĂ€nnliche und vom indischen her das weibliche Element. Durch ihre gegenseitige Durchdringung erzeugen Yang und Yin das Weltall mit all seinen Dingen, die nun ihrerseits – unaufhörlich und endlos – zeugen und weiterzeugen.

 Â»qi« und »li«

 Die beiden UrmĂ€chte Yang und Yin werden von Zhou auch die beiden »qi« (wörtlich: Äther, Atem, Fluida) genannt, ebenso wie er auch die fĂŒnf Elemente als die fĂŒnf »qi« (wu-qi) bezeichnet. Diesem Grundbegriff gegenĂŒber steht in der chinesischen Philosophie der Begriff »li«, »Prinzip«. Unter dem »li« verstehen die Neokonfuzianer das höchste geistig-metaphysische Prinzip, dem alles Sein, vor allem die ganze materielle Welt, der gesamte Kosmos, unterliegt. HĂ€ufig erscheint der Ausdruck »li« auch gleichbedeutend mit dem Begriff »tai-ji« (Urprinzip).

Im zweiten Teil seiner »ErklĂ€rung zu Diagramm des Höchsten Urprinzips« sowie in einer weiteren philosophischen Abhandlung mit dem Titel »ErklĂ€rende Schrift« geht Zhou von seiner Darstellung ĂŒber das Wirken des Urprinzips sowie die Entstehung und den Wandel alles Seienden ĂŒber zu Fragen der Ethik und versucht, den Ursprung richtigen ethnischen Verhaltens aus den Gesetzen und dem Wirken der Natur abzuleiten; »Nur der Mensch (allein) erhĂ€lt sie (=die Elemente Yang und Yin) in ihrer Vollendetheit und ist dadurch das geistige Wesen. Wenn der Körper geboren ist, der Geist das Bewußtsein hervorgebracht hat und die fĂŒnf natĂŒrlichen Veranlagungen sensibilisiert und in Bewegung gesetzt worden sind, dann unterscheidet er zwischen Gut und Böse, und zehntausend Verhaltensweisen treten hervor.«

Die oben genannten fĂŒnf natĂŒrlichen Verhaltensweisen, welche Zhou Dunyi hier also von vornherein in der menschlichen Natur verankert sieht, sind die fĂŒnf konfuzianischen kardinaltugenden: Gegenseitige Liebe (ren), Rechtschaffenheit (yi), Gewissenhaftigkeit (zhong), Gegenseitigkeit (shu) und Ehrlichkeit (zhi).

Eine weitere große Persönlichkeit dieser Zeit begegnet und auch in der Person des Mathematikers und Physikers Shao Yong (1011 bis 1077). Er hat sich auf der Basis des Buches der Wandlungen bzw. der 64 Hexagramme ein ungemein kompliziertes kosmologisches System, dessen genaue Beschreibung ein ganzes Buch fĂŒllen wĂŒrde, geschaffen. Auch er selbst sagt von seinem Werk: »Obwohl die Diagramme keinen Text haben (der sie begleitet), kann ich den ganzen Tag lang ĂŒber sie sprechen, ohne von ihnen (=von diesem Thema) abzugehen. Dann sie enthalten die Prinzipien des Himmels und der Erde sowie der zehntausend Dinge« Genaugenommen basiert seine Kosmische Lehre von der Entstehung und Entwicklung des Weltalls und aller Dinge schlechthin auf einer Stelle in einem Anhang zum Buch der Wandlungen, wo es heißt: »In den Wandlungen existiert das Höchste Urprinzip, welches zwei Formen hervorgebracht hat. Die zwei Formen haben die vier Symbole hervorgebracht, die vier Symbole haben die acht Trigramme hervorgebracht. Mit Hilfe der acht Trigramme werden GlĂŒck und UnglĂŒck (in bezug auf Angelegenheiten im menschlichen Leben) bestimmt, und GlĂŒck und UnglĂŒck bringen die großen Handlungen (der Menschen) hervor!«                                                                                                                       nach oben

Die 64 Hexagramme

Dies ist der zentrale Gedanke, welcher der Symbol- und Zahlenlehre des Shao Yong zugrunde liegt. Sein Plan war, das ganze Weltall und insbesondere die Welt, in der wir leben, mit all ihren Dingen und PhĂ€nomenen, mit einem mathematisch-strukturierten und in Form von Hexagrammen dargestellten vieldimensionalen Koordinatensystem zu ĂŒberziehen und dadurch einen tiefen Einblick in den Ablauf und die GesetzmĂ€ĂŸigkeit des großen Weltgeschehens im allgemeinen und der menschlichen AktivitĂ€ten im besonderen zu erlangen.

Neben Zhou Dunyi und Shao Yong haben auch der Philosoph Zhang Zai und die BrĂŒder Cheng eine Reihe von interessanten GedankengĂ€ngen ĂŒber Urprinzip, Yang und Ying, ĂŒber die Kultivierung des Geistes, ĂŒber ihre (negative) Entwicklung zu Buddhismus und Taoismus und anderen PhĂ€nomene entwickelt. Die beiden Cheng-BrĂŒder vertraten innerhalb des Neokonfuzianismus zwei verschiedene Richtungen: einmal eine rationalistische Schule, chinesisch »li-xue«, das heißt »Schule des Prinzips«, und daneben eine idealistische, die chinesisch als »xin-xue«, als »Schule des Geistes«, bezeichnet wurde. Kommen wir aber nun zum HauptreprĂ€sentanten des Neokonfuzianismus, zu Philosophen Zhu Xi (1130 bis 1200).

 Zhu Xi

 Das philosophische System Zhu Xis, insbesondere seine Vorstellung ĂŒber die Entstehung und Entwicklung des Weltalls bzw. der Welt, basiert zu einem wesentlichen Teil auf der Lehre des Zhou Dunyi. Daneben hat er auch Ideen der vorher genannten Philosophen Shao Yong, Zhang Zai sowie der beiden BrĂŒder Cheng in sein System aufgenommen. Auch spiegelt seine Lehre einige Elemente wieder, die Zhu Xi aus dem Buddhismus, den er so wie den Taoismus bis zu seinem 30. Lebensjahr grĂŒndlich studiert hatte, ĂŒbernommen hat. Zhu Xi ist der Mann, der nach einem ausgedehnten Studium der Klassiker die Lehre des Konfuzius und des Menzius im Sinne der oben genannten Neokonfuzianer zusammengefaßt und zu einem systematischen LehrgebĂ€ude ausgebaut hat, in dessen Zentrum auf der einen Seite die Entstehung und Entwicklung des Makro- wie auch des Mikrokosmos und auf der anderen Seite die metaphysische BegrĂŒndung der chinesischen Ethik stehen. Die von ihm systematisch zusammengefaßte Lehre erlangte kanonische Geltung und hat in China bis in unser 20. Jahrhundert hinein eine staatstragende Rolle gespielt. Seine Interpretation der chinesischen Klassiker wurde als einzige gĂŒltige auch allen StaatsprĂŒfungen in China zugrunde gelegt. Er gilt unter den Konfuzianern als einer der grĂ¶ĂŸten Gelehrten Chinas und wurde zu einem Heiligen der chinesischen Staatsreligion erhoben und in konfuzianischen Tempeln verehrt.

Im Mittelpunkt der Gedankenwelt Zhu Xis stehen also zwei Dinge: eine ErklĂ€rung ĂŒber Entstehung, Entwicklung und Wesen des Weltalls und insbesondere der Welt, in der wir leben, sowie eine ErklĂ€rung ĂŒber das Wesen und die ethnisch-moralische Natur des Menschen. Und hier ist nun die Grundlage der Philosophie des Zhu Xi von zwei Kernbegriffen bestimmt, die in unserer abendlĂ€ndischen Geisteswelt keine genauen Äquivalente haben: Es sind dies die beiden Begriffe »li« und »qi«. Auf diese beiden Urgewalten basiert nach Zhu Xi alles Seiende, jedwede Existenz. Unter »li« versteht Zhu Xi ein lenkendes und leitendes geistiges Weltprinzip, das dem gesamten Weltall und auch jedem Individuum innewohnt. Es ist unendlich und ohne Grenzen, aber nicht nur die metaphysische Basis allen Seins, sonder gleichzeitig auch eine ethnische GrĂ¶ĂŸe. Denn das »li« ist der kosmische Wille, die ethnische Einheit, die alle von Konfuzius gepredigten Grundtugenden in sich birgt.

Der zweite Grundbegriff hingegen, das »qi«, bildet sozusagen den Gegenpol zu »li«. Zhu Xi versteht darunter die Materie, die Substanz, die materielle Seite der Weltexistenz. Dennoch geht dieser Begriff ĂŒben den unserer Materie hinaus und bezeichnet nicht nur die rein materielle, sinnliche wahrnehmbare Komponente alles Existierenden, wenngleich dieses sozusagen den Kern dieses Begriffs bildet. Vielmehr umfaßt der Begriff »qi«, wie er bei Zhu Xi gebraucht wird, zusĂ€tzlich auch noch eine unsichtbare bzw. mit den fĂŒnf Sinnen nicht wahrnehmbare Komponente, eine »innere Kraft«, die – vom »li« geleitet – als Urgrund in der Materie wirksam ist. Die Begriffe »li« und »qi« kommen immer gemeinsam, niemals einzeln vor. Es handelt sich hier also im wesentlichen um eine dualistische ErklĂ€rung, die aber dadurch einen monistischen Einschlag erhĂ€lt, daß nach Zhu Xis Meinung zwar keiner dieser beiden UrmĂ€chte zeitlich eine eindeutige Periode zukommt, dennoch aber das »li« dĂŒrfte auch rein zeitlich gesehen wohl schon vor dem »qi« existiert haben, wenn man ganz an den Uranfang zurĂŒckgeht. Bei den beiden UrmĂ€chten »li« und »qi« handelt es sich also trotz gewisser Parallelen nicht um denselben Gegensatz wie bei unserem Begriffspaar Geist und Materie.

Wie wir bereits wissen, hat Zhu Xi die kosmologischesn Ansichten weitgehend von seinen VorgĂ€ngern ĂŒbernommen und zu einem neuen, einheitlichen Ganzen zusammengefĂŒgt. In diesem Sinn interpretiert er auch das »tai-ji«, das Höchste Urprinzip, das wir von Zhou Dunyi her kennen, als das in Himmel und Erde und allen Dingen enthaltene »li«. Das »li« ist also, Ă€hnlich wie das »tai-ji«, das Höchste Urprinzip, der Urausgangspunkt alles Seins, aus dem zunĂ€chst durch Bewegung Yang und durch Ruhe Yin hervorgeht. Daß es zu dieser Bewegung kommt, liegt daran, daß das »li« als Höchste ethnische GrĂ¶ĂŸe aktiv wird. Aus Yang und Yin gehen dann die fĂŒnf Grundstoffe Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde, jedoch nicht in ihrem materiellen Sinn, sonder im Sinn geistig-abstrakter ElementkrĂ€fte, hervor. In diesen fĂŒnf ElementarkrĂ€ften, in denen Yang und Yin jeweils auf unterschiedliche Weise wirken, liegt bereits die weitere Entwicklung des Weltalls vorgezeichnet. Durch das Zusammenwirken von »li«, Yang und Yin und der fĂŒnf ElementarkrĂ€fte entsteht der Kosmos bzw. die beiden geistigen GrĂ¶ĂŸen Himmel (qian) und Erde (kun). ZunĂ€chst zwar auch nur abstrakte, kosmische MĂ€chte, gehen aus »qian« und »kun« dann der sichtbare Himmel und die materielle Erde mit all ihren Geschöpfen und Dingen hervor. So erscheint nun auch der Mensch auf der ErdenbĂŒhne. Der materielle Himmel stellt nach der Vorstellung Zhu Xi ein Gemisch von Luft dar, das die Erde von allen Seiten umströmt und sich jeweils im Unendlichen verliert. WĂ€hrend die Erde, die dem Yin entspricht, ruht, fĂŒhrt der Himmel als Yang-Kraft endlose Bewegungen um die Erde aus, wobei er zu einer solchen Erdumkreisung jeweils einen Tag benötigt. Entstehung und Entwicklung des Kosmos stellen nach Zhu Xis Meinung jedoch nicht ein einmaliges PhĂ€nomen dar, sondern sind fĂŒr ihn – Ă€hnlich wie fĂŒr die Buddhisten – eine Erscheinung, die sich eine Ewigkeit lang ohne Ende wiederholt. Jede kosmische Existenz besteht aus vier Phasen: Entstehung – Entfaltung – Niedergang und Zerstörung im Chaos. Eine solche kosmische Existenz dauert jeweils 129 600 Jahre. Danach setzt sich der Zyklus mit der Entstehung des nĂ€chsten kosmischen Systems fort.

Das »li«, hĂ€ufig dem »tai-ji« gleichgesetzt, ist also nicht nur ein metaphysisches, sondern auch ein ethnisches Prinzip und kommt im Wesen der menschlichen Natur zu vollsten Entfaltung. Dennoch zeigt sich gerade hier, daß es an Macht dem zweiten Urprinzip, dem »qi«, nicht so ĂŒberlegen ist, dass es dieses uneingeschrĂ€nkte beherrscht. Dadurch erklĂ€rt Zhu Xi auch den Umstand, daß die menschliche Natur in der konkreten Wirklichkeit oft auch negativ in Erscheinung tritt. Nach Zhu Xi ist eben das »innere Wesen«, die »innere Veranlagung« eines Menschen nicht gleichzusetzen mimt seiner »Àußeren Natur«. Ein schlechter Mensch, meint Zhu Xi, erkenne klar und eindeutig, ob eine Handlung, die er setzt, gut oder böse sei. Sein »inneres Wesen«, sein sittliches Urteilsvermögen, teile ihm das mit. Das heißt also, daß der Mensch zwar »theoretisch« von seinem inneren Wesen her immer nach dem »li« ausgerichtet und dadurch gut ist, umgekehrt aber dennoch de facto böse Handlungen begehen kann. Diesen nach seiner Meinung nach scheinbaren Widerspruch erklĂ€rt Zhu Xi durch die Feststellung, daß das Wirken des Urprinzips »li« engstens mit dem Wirken des Urprinzips »qi« gekoppelt sei, wobei das »qi« als ethnisch neutrales Prinzip dem vollen Wirksamwerden des »li« hinderlich entgegenstehe. Und hier bestimme nun die materielle Zusammensetzung der einzelnen Wesen den Grad, in welchem das ethnische »li« in den einzelnen Menschen (ebenso wie auch in Tieren und Pflanzen) wirksam werden könne.                nach oben

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