Sui & Tang Dynastie

Sui und Tang Dynastie

Sui 581 bis 618
Tang 618 bis 906
Erneute Reichseinigung durch Kaiser Wen

Nachdem das Reich fast vier Jahrhunderte geteilt war, gelang es Yang Jian, auch als Wen-di, Kaiser Wen (541 bis 604) bekannt, im Jahr 581 die Macht im Nord-Zhou-Staat zu ĂŒbernehmen und sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Bereits zwei Jahre spĂ€ter verlegte er seine Hauptstadt nach Chang’an. Als ihm 589 die endgĂŒltige Unterwerfung der den SĂŒden regierenden Chen-Dynastie geglĂŒckt war, hatte er die Kontrolle ĂŒber das gesamte Reich wiedergewonnen und war de facto zum Alleinherrscher ĂŒber das riesige Imperium geworden, das Jahrhunderte in einen nördlichen und einen sĂŒdlichen Machbereich aufgespalten war.

Das Volk fĂŒr sich zu gewinnen und die Wirtschaft, die nun in viel grĂ¶ĂŸeren Dimensionen wieder aufgebaut werden mußte, in Schwung zu bringen, wurde die Zwangsarbeit reduziert und Brachland an die Bauern verteilt. Dies hatte zur Folge, daß die landwirtschaftliche Produktion in relativ kurzer Zeit einen bedeutenden Aufschwung nahm. Um die Einheit innerhalb der neuen Reichsgrenzen zu unterstreichen, wurden einheitliche Raum-. Maß- und Gewichtsbezeichnungen sowie ein einheitliches WĂ€hrungssystem im ganzen Reich, in dem damals mehr als 46 Millionen Menschen lebten, eingefĂŒhrt.                                                                                                          nach oben

 Kaiser Yang

Auf Kaiser Wen folgte dessen Sohn Yang-di auf den Thron. Dieser in chinesischen Geschichtswerken hĂ€ufig als grausamer Tyrann charakterisierte Herrscher hat wĂ€hrend der kurzen Zeit seiner Regentschaft, Ă€hnlich wie einst der erste ReichsgrĂŒnder Qin Shihuangdi, unter Aufbietung von Millionen von Arbeitern gigantische Bauprojekte durchfĂŒhren lassen.
Um das Reich vor den nördlichen »Barbaren« zu schĂŒtzen, ließ er neue Grenzmauern errichten und die alten verstĂ€rken bzw. instand setzen, wobei eine Million Menschen im Einsatz waren.
Eine weitere Million Menschen – manche Berichte geben noch viel höhere Zahlen an – war mit dem Bau des riesigen Kanalsystems, das im Zusammenwirken mit verschiedenen Flußsystemen Nord- und SĂŒdchina verband, beschĂ€ftigte. Hunderte Kilometer neuer KanĂ€le wurden ausgehoben, alte, noch aus der Zhou-Zeit bestehende wieder instand gesetzt.
Diese Maßnahme diente vor allem dem Zweck, Nahrungsmittel und Getreide aus den fruchtbaren Regionen des SĂŒdens in großem Umfang nach Norden transportieren zu können. Die Errichtung und der Aufbau dieses Kanalsystems, das spĂ€ter in der Mongolenzeit noch einmal erweitert wurde, waren von grĂ¶ĂŸter Bedeutung fĂŒr die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung bis ins 20. Jahrhundert.
Ähnlich wie Qin Shihuangdi war auch Kaiser Yang ein sehr fĂ€higer Mann, der Macht, Extravaganz und Luxus ĂŒber alles liebte. Kaum hatte er die FĂŒhrung im Staat ĂŒbernommen, faßte er den Plan, den Kaiserhof von Chang’an nach Luoyang zu verlegen und Luoyang zur grĂ¶ĂŸten und schönsten Stadt des Reiches aufzubauen. Da er sich aber nicht entschließen konnte, Chang’an zu verlassen, ließ er den beiden Metropolen 40 PalĂ€ste errichten und verfĂŒgte somit ĂŒber zwei ResidenzstĂ€dte, zu denen dann auch noch eine dritte, Jiangdu (heute Yangzhou), kam.                                 nach oben

Die Ost- und WesttĂŒrken

Wie die meisten chinesischen Kaiser konnte sich aber weder Wen-di noch Yang-di ausschließlich den inneren Problemen des Landes widmen, sondern waren auch immer wieder in Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarvölkern im Norden und im Nordwesten verwickelt.
Der mĂ€chtigste Gegner im Norden waren Nachfahren der frĂŒheren Xiongnu, die Tujue. Da sich dieses Volk zu Beginn der Sui-Dynastie in zwei Gruppen, nĂ€mlich in Ost- und West-Tujue, aufspaltete, wurde die Situation fĂŒr die Chinesen einfacher. Dennoch kam es auch wĂ€hrend der Sui-Zeit zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Chinesen und diesem Turkvolk.
Durch geschickte Diplomatie gelang es den Chinesen, die Turkvölker – die WesttĂŒrken waren damals das mĂ€chtigste Volk in Zentralasien – gegeneinander auszuspielen, mit dem Resultat, daß sich ein großer Teil von ihnen den Chinesen unterstellte.
Im Jahr 609 gelang es den Chinesen unter FĂŒhrung des Generals Pei Ju die Toyuhen, ein Volk, das aus Tibetern und Mongolen bestand, in Nordtibet und im Gebiet der heutigen Provinz Qinghai lebte und wiederholt in den Gansu-Korridor eingefallen war, zu besiegen und damit den ungestörten Verkehr nach Zentralasien wieder sicherzustellen.
Weniger GlĂŒck hatten Wen-di und Yang-di bei ihren Expansionsbestrebungen im Nordosten. Obwohl sie innerhalb ihrer kurzen Regierungszeit, die insgesamt nur eine Generation umspannte, vier FeldzĂŒge gegen das Königreich Koguryo (das ist der grĂ¶ĂŸte Teil des heutigen Korea mitsamt einem Teil der sĂŒdlichen Mandschurei) unternahmen, gelang es ihnen nicht, dieses Gebiet zu unterwerfen.
Im SĂŒden jedoch waren sie in der Lage, bis in den sĂŒdlichen Teil des heutigen Vietnam vorzudringen und den dort existierenden Kleinstaat Tschamba in ein (allerdings nur sehr loses) AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis zu China zu bringen.
Im Jahr 615 mußte Yang-di eine empfindliche Niederlage durch die OsttĂŒrken, die bis dahin als Vasallen an seiner Seite gestanden waren, hinnehmen. Gleichzeitig brachen auch in mehreren Teilen des Reiches AufstĂ€nde aus. Das Volk war unzufrieden, zu sehr war es bei den gigantischen Bauvorhaben des Kaisers Yang zu Frondiensten herangezogen und ausgebeutet worden. Der Kaiser selbst floh in seine sĂŒdliche Hauptstadt Jiangdu, wo er 618 von Verschwörern erdrosselt wurde.                                                                                                                           nach oben

 Die Tang-Dynastie

Diese Situation machen sich Li Yuan (566 bis 635) und sein Sohn Li Shimin (627 bis 649) zunutze. Unter Mithilfe eines tĂŒrkischen Heeres eroberten sie 616 Chang’an, und ein Jahr spĂ€ter wurden Li Yuan unter dem Namen Gao-Zu (Hoher Ahnherr) zum Kaiser ausgerufen.
Es dauerte aber noch ein knappes Jahrzehnt, bis die Dynastie sich voll konsolidiert hatte und die Ordnung im Reich wiederhergestellt war. WĂ€hrend der Tang-Dynastie, die fast drei Jahrhunderte ĂŒber China herrschte, erreichte das chinesische Imperium eine neue BlĂŒtezeit und den Höhepunkt seiner Machtentfaltung auf wirtschaftlichem, militĂ€rischem und kulturellem Gebiet, vergleichbar mit der glorreichen Epoche der Han.
Da weite Teile des Landes durch die BauernaufstĂ€nde der ausgehenden Sui-Zeit zerstört waren und die Wirtschaft darniederlag, galten die ersten Bestrebungen des neuen Kaiserhauses dem Wiederaufbau des Landes und der Wiederbelebung der Wirtschaft, insbesondere der Landwirtschaft, die ja zu allen Zeiten die Grundlage fĂŒr das Wohl des Volkes wie auch fĂŒr seine stabile Regierung darstellte.
Mit Hilfe eines neuen Landverteilungsgesetzes bzw. Landausgleichssystems, das in Ă€hnlicher Form bereits von VorgĂ€ngerdynastien praktiziert worden war, wurde das Land nach einem bestimmten SchlĂŒssel an die Bauern neu verteilt. Der Sinn dieser Maßnahme hĂ€tte auf der einen Seite sein sollen, durch eine gerechte Verteilung des Ackerlandes die Bauernschaft, die wie immer in der chinesischen Geschichte den Hauptanteil der chinesischen Bevölkerung darstellte, zufrieden zu stellen, und auf der anderen Seite zu verhindern, daß sich Adel und andere einflußreiche Gruppen, insbesondere die Angehörigen des Kaiserhauses und die Beamten, im Lauf der Zeit wieder zu Großgrundbesitzern entwickeln, die ĂŒber riesige Latifundien verfĂŒgten, PĂ€chter einsetzten und den Bauern nach und nach ihren Grund und Boden wegnehmen und damit die Existenzgrundlage entziehen.
Dadurch, daß der Gesetzgeber aber bereits von Anfang an Konzessionen an die reichen und einflußreichen Kreise machen mußte, indem er diesen einen weit grĂ¶ĂŸeren Anteil zuerkannte als den einfachen Bauern, war damit, langfristig gesehen, die weitere AbwĂ€rtsentwicklung bereits vorgezeichnet, wenngleich das System zunĂ€chst gute Resultate zeigte.
Außerdem fanden die Adeligen und Reichen weiterhin auch legal gedeckte Maßnahmen und Mittel, sei es durch Ankauf oder auf anderem Wege, ihren Landbesitz immer mehr zu vergrĂ¶ĂŸern. Die Neuverteilung des Landes erfolgte prinzipiell nach zwei verschiedenen Eigentumstypen: der Großteil des neuerworbenen Landes war im Grund genommen Staatseigentum, das nach dem Tod des Besitzers wieder an den Staat zurĂŒckfiel. Der restliche Teil war Erbland, das beim Ableben des EigentĂŒmers an seine Kinder und Verwandten weitervererbt werden durfte.                    nach oben

Die Klöster

Eine besondere Rolle in bezug auf die AnhĂ€ufung von Grundbesitz spielten die Klöster, die im Lauf der Zeit ihren Besitz – sei es durch die große Zahl von Mönchen und Nonnen, denen gesetzlich eine bestimmte Quote an Grund und Boden zustand und ĂŒbereignet wurde, oder durch Schenkungen, die manchmal ganz gewaltige Ausmaße annahmen – in großem Umfang vermehrten. Da die Klöster außerdem auch noch hĂ€ufig von den schweren Steuern, die in der Regel in Naturalien abgeleistet wurden, ausgenommen waren, entwickelten sie sich mit ihnen riesigen LandgĂŒtern oft zu gewaltigen Zentren der Macht und des Wohlstands.                                                                        nach oben

Wirtschaftlicher Aufschwung

Neben der Landwirtschaft hatten auch die handwerklichen Betriebe einen bedeutenden Aufschwung zu verzeichnen. Einerseits grĂŒndete der Staat selbst eine ganze Reihe von neuen handwerklichen Unternehmen, anderseits wurden auch viele Betriebe auf privater Basis errichtet.
Bei den von staatlicher Seite betriebenen Unternehmen handelte es sich vor allem um Webereien, FĂ€rbereien, Porzellanmanufakturen, metallverarbeitende Betriebe, um Papierherstellungs-, Seidenproduktions- und Textilerzeugungsanlagen.
Auch der Bergbau wurde in der Tang-Zeit vorangetrieben. In mehreren Teilen des Reiches wurde Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei und Zinn gewonnen und verarbeitet.
Diese in verschiedenen Gegenden des Tang-Reiches neuerrichteten Unternehmen boten vielen Menschen neue Existenzmöglichkeiten und zogen Viele Einwanderer an. Vor allem SĂŒdchina mit seinem fruchtbaren Regionen hat in diesem Zeitraum gewaltige Menschenmassen aus den eher kargen Gegenden des Nordens angezogen.
Nachdem Kaiser Gao-Zu, der GrĂŒnder der Tang-Dynastie, im Jahre 626 auf den Thron verzichtet und abgedankt hatte, folgte ihm Li Shimin, bekannter unter seinem postumen Kaisernamen Tai-Zong, auf den Thron. Unter der Herrschaft dieses Regenten, der als einer der grĂ¶ĂŸten in die Geschichte Chinas eingegangen ist, erlebt das Reich eine ungeheure BlĂŒtezeit und einen bis dahin noch nie erreichten Höhepunkt seiner Machtentfaltung, die auch wĂ€hrend der Regentschaft des dritten Tang-Kaisers Gao-Zong (650 bis 683) noch eine weitere Konsolidierung erfuhr.
Parallel zum wirtschaftlichen Aufbau des Landes wurde auch das gesamte Staats-Gebiet verwaltungsmĂ€ĂŸig unstrukturiert und er Staatsapparat neu durchorganisiert. Schon wĂ€hrend der Sui-Dynastie war das Land in PrĂ€fekturen (zhou) und Kreise (xian) eingeteilt worden. Die Tang schufen erstmals in der Geschichte Chinas grĂ¶ĂŸere Verwaltungseinheiten, Provinzen, damals Dao (Wege) genannt, welche nach geographischen Gegebenheiten abgegrenzt waren. Das Tang-Reich wurde in zehn Dao eingeteilt, die ihrerseits wieder in kleinere Einheiten unterteilt waren.    nach oben

 Politik und Verwaltung

Auch das zentrale Regierungssystem wurde auf eine neue Grundlage gestellt Und im Lauf der Zeit durch Schaffung weiterer Verwaltungsorgane zu einem detailliert ausgebauten, gut funktionierenden Machtinstrument entwickelt, das auch den Aufbau des Staatsapparates spÀterer Dynastien noch entscheidend mitgeprÀgt hat.
An der Spitze des Staates, unmittelbar unter dem Kaiser, standen drei zentrale RegierungsĂ€mter, das Staatssekretariat (shang-shu-sheng) die Kaiserliche Kanzlei (men-xia-sheng) und das Kaiserliche Sekretariat (zhing-shu-sheng). Dem Staatssekretariat unterstanden sechs Ministerien: das Personalministerium (li-bu), das Finanzministerium (hu-bu), das Ritenministerium (li-bu), das Kriegsministerium (bing-bu), das Justizministerium (xing-bu) und das Bautenministerium (gong-bu). Daneben wurde auch noch ein wichtiges Amt, das Zensoriat (yu-shi-tai), ins Leben gerufen. Die Beamten dieses Ressorts hatten die Aufgabe, die Regierungs- und VerwaltungsgeschĂ€fte sowie die Finanzgebarung usw. der einzelnen Beamten im Bereich der kaiserlichen Palastanlangen, in der Hauptstadt und in den einzelnen Provinzen zu kontrollieren und ĂŒber eventuelle Fehlleistungen und MĂ€ngel dem Kaiser Bericht zu erstatten.
Schon unter der Sui-Dynastie war das alte, traditionelle PrĂŒfungssystem der Han-Zeit, durch das die zukĂŒnftigen Beamten nach den Kriterien einer grĂŒndlichen und gediegenen Ausbildung in der Lehre der konfuzianischen Klassiker fĂŒr den Staatsdienst ausgewĂ€hlt wurden, wieder eingefĂŒhrt worden.
                                                                                                                                     nach oben

 WiedereinfĂŒhrung des traditionellen PrĂŒfungssystems

Durch dieses PrĂŒfungssystem, das nunmehr auch die Tang ĂŒbernahmen und weiter ausbauten, waren natĂŒrlich die Söhne der Aristokraten und Reichen gewaltig im Vorteil, denn die Ausbildung, die diesen PrĂŒfungen vorausgingen, war recht kostspielig.
Dennoch aber hatten auch Söhne aus Familien niedrigerer Herkunft die Möglichkeit, an diesen PrĂŒfungen teilzunehmen und nach Bestehen die Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Da sich dieses System in der Folgezeit immer mehr öffnete, konnten auch viele Söhne der mittleren und unteren Beamtenklasse auf diese Weise in den Staatsdienst eintreten. Allerdings blieb das Privileg der MĂ€chtigen und Reichen, ihre Söhne diesen steinigen Weg zu ersparen und sie ohne Ablegung von PrĂŒfungen in hohe StaatsĂ€mter und Regierungspositionen bringen zu können, weiter bestehen.
Durch diese damals einzigartige Einrichtung der StaatsprĂŒfungen zur Aufnahme in die Beamtenlaufbahn, die mit gewissen Modifikationen fast bis zum Sturz des chinesischen Kaiserreiches im 20 Jahrhundert beibehalten wurde, hat China – quer durch die Jahrhunderte und die Dynastien – einen einheitlichen, klassisch gebildeten Beamtentypus hervorgebracht, der tief in der konfuzianischen Ethik und Morallehre verankert war und dem Staatsapparat ein besonders GeprĂ€ge gab.
Ähnlich wie unter den Sui wurde auch wĂ€hrend der Tang-Zeit eine Vielzahl von staatlichen Schulen auf Kreis- und Provinzebene, aber auch in der Hauptstadt selbst errichtet. Dieses Schule hatte vor allem den Zweck, tĂŒchtige junge MĂ€nner aus allen Landesteilen auszubilden, um stets ein möglichst großes Reservoir an qualifizierten AnwĂ€rtern auf Staatsposten zur VerfĂŒgung zu haben. Wer eine solche Schule mit Erfolg absolviert hatte, konnte sich anschließend um die Aufnahme in eine der beiden berĂŒhmten staatlichen Akademien in Chang’an und in Luoyang bewerben.            nach oben

 Die Metropole Chang‘an

 

Die Metropole Chang’an das heutige Xi’an (Provinzhauptstadt von Shaanxi), war damals nicht nur die Hauptstadt des grĂ¶ĂŸten Reiches auf dem asiatischen Kontinent, sondern mit zirka zwei Millionen Einwohnern – von denen mehr als eine Million innerhalb der Stadtmauern lebte – die volksreichste Stadt der Welt. In der fruchtbaren Guanzong-Ebene Gelegen, war Chang’an damals der politische, wirtschaftliche und kulturelle Mittelpunkt des Reiches. Alle Verkehrswege ĂŒberzogen von hier aus strahlenförmig das Land bzw. liefen in dieser Metropole zusammen. Durch ein riesiges Netz von Straßen sowie natĂŒrlichen und kĂŒnstlichen Wasserwegen war Chang’an mit weiten Teilen des Reiches verbunden.
Als östlicher Endpunkt der berĂŒhmten Seidenstraße, die China mit den LĂ€ndern des Vorderen Orients und Europas verband, war es zu einem internationalen Umschlagplatz von Waren aller Art aus den verschiedensten LĂ€ndern Asiens und Europas geworden. In dem in der NĂ€he der Stadt gelegenen Flußhafen stapelten sich die GĂŒter, die fĂŒr die Hauptstadt oder fĂŒr den Weitertransport nach Ost oder West bestimmt waren. Die Stadt selbst war belebt mit Menschen unterschiedlichster Rasse und Religionen, Völker und Sprachen. Neben Chinesen und Tibetern, Uighuren und Khitan beherbergte die Stadt auch Gesandtschaften und Kaufleute aus fernen LĂ€ndern: aus Persien und Indien, aus Arabien und Syrien, aus Korea und Japan.
Die von einer großen Mauer umgebene Metropole umfaßte mit einer Ost-West-Erstreckung von rund 9 Kilometern und einer Nord-SĂŒd-Achse von zirka 7,5 Kilometern eine FlĂ€che von fast 70 Quadratkilometer. Sie war von ihrem Grundriß her ganz geometrisch-symetrisch angelegt. Alle Straßen verliefen in ostwestlicher oder in nordsĂŒdlicher Richtung und stießen jeweils in einem Winkel von 90 Grad aufeinander (siehe Abbildung). Zwischen den einzelnen Straßen reihte sich, ebenfalls streng symmetrisch angeordnet und jeweils von einer eigenen Mauer umschlossen, ein HĂ€userblock an den anderen, insgesamt 112 an der Zahl. Im Norden der Stadt, symmetrisch zur Nord-SĂŒd-Achse, befand sich die Kaiserstadt, deren nördliche HĂ€lfte wiederum vom Kaiserpalast eingenommen wurde.
Nach der Anlage von Chang’an sind spĂ€ter auch die japanischen ResidenzstĂ€dte Nara und Kyoto sowie die spĂ€tere chinesische Hauptstadt Peking konzipiert und erbaut worden.
Chang’an ist vom Gesichtspunkt der alten chinesischen Geschichte und Kultur her gesehen heute sicherlich die interessanteste Stadt Chinas. Sie birgt KulturschĂ€tze von unvorstellbarem Wert, die sich in Jahrhunderten, ja Jahrtausenden dort angesammelt haben.
Hier liegt die Wiege der chinesischen Kultur. Hier haben die Steinzeitmenschen von Banpocum noch in matriarchalischer Sippengemeinschaft miteinander gelebt und die Àlteste uns heute in China bekannte neolithische Kultur entwickelt.
In historischer Zeit war Chang’an Hauptstadt von elf Dynastien. Von hier aus hat der Urkaiser der Qin-Dynastie das Reich zum erstenmal geeint.

Viele Gelehrte und Schriftsteller, KĂŒnstler und Dichter haben hier gewirkt, und viele Weltreligionen haben hier ihre Lehren verkĂŒndet: allen voran der Buddhismus, der sich in dieser Stadt zu höchster BlĂŒte entfaltete, neben ihm der Taoismus, der Islam und das Christentum. Und nicht zuletzt hat die Morallehre des Konfuzius dieser Stadt, die insgesamt mehr als tausend Jahre Hauptstadt des chinesischen Imperiums war, ihren Stempel aufgedrĂŒckt.
Die heutige Nachfolgestadt von Chang’an, Xi’an, ist eine blĂŒhende Industriestadt mit mehr als 3 Millionen Einwohnern und nach wie vor ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Herzen Chinas. Das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes hat sich jedoch in den letzten tausend Jahren nach Osten bzw. nach Nordosten verlagert.                                                         nach oben

Postsystem

WĂ€hrend der Tang-Dynastie wurde in China ein gutfunktionierendes Postsystem mit insgesamt 1600 Poststationen erreichtet, das die Hauptstadt mit allen umliegenden Provinzen verband. Alle 15 Kilometer war auf den Hauptrouten eine solche Station eingerichtet. HĂ€ufig unterhielten diese PostĂ€mter auch Gast- und Beherbergungsbetriebe fĂŒr die kaiserlichen Kuriere, die mit Hilfe dieser neuen Einrichtung kaiserliche ErlĂ€sse und Aufrufe sowie jede Art von Dienstpost mit großer Geschwindigkeit im ganzen Reich in Umlauf bringen konnten. Viele dieser Poststationen stellten den Kurieren auch Reittiere und Schiffe zur VerfĂŒgung, und auch fĂŒr die Abwicklung des Handels brachte dieses neue System große Vorteile mit sich.                                                        nach oben

 Reichssystem

Auch das Reichssystem der der Tang-Zeit vorausgehenden Dynastien wurde wĂ€hrend der Tang-Dynastie verbessert und ein neuer Gesetzeskodex, der hauptsĂ€chlich Straf- und Verwaltungsrecht zum Gegenstand hatte, geschaffen. Dieses neue Rechtssystem ĂŒbte weit ĂŒber China hinaus einen bedeutenden Einfluß auf die Rechtssysteme anderer ostasiatischer LĂ€nder, z.B. Japan und Korea, aus. 

WĂ€hrend der ersten hundert Jahre der Tang-Herrschaft ist China wirtschaftlich sehr erstarkt, vor allem die Landwirtschaft nahm wĂ€hrend dieser Zeit einen bedeutenden Aufschwung. Durch die Kultivierung großer Brachlandgebiete konnte die Produktion von Getreide und anderen Nahrungspflanzen enorm gesteigert werden. Auch hatten die Verbesserung des Pfluges, die Erfindung des Wasserrades und die Errichtung eines weitverzweigten Netzes von BewĂ€sserungsanlagen eine betrĂ€chtliche Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion zur Folge.DarĂŒber hinaus konnte die Tang-Kaiser ihre Beziehungen zu den tĂŒrkischen und mongolischen VolksstĂ€mmen im Westen und Norden erheblich verbessern. Das mĂ€chtigste dieser Völker waren damals die TĂŒrken, die ein riesiges Gebiet im Norden des Reiches, vom fernen Osten bis weit ĂŒber die Westlande Chinas hinaus, unter ihre Herrschaft gebracht hatten. Obwohl sei sich im Jahr 781 in Ost- und WesttĂŒrken aufgespalten hatten, blieben sie nach wie vor ein gefĂ€hrlicher Gegner. Die West-Tujue oder WesttĂŒrken waren bis um die Mitte des 7. Jahrhunderts die stĂ€rkste Macht in Zentralasien. Die Ost-Tujue oder OsttĂŒrken fielen in den ersten Jahren der Tang-Dynastie immer wieder in Horden von bis zu 100 000 Mann raubend und plĂŒndernd in das Reich ein und drangen fast bin in die Hauptstadt vor.             

Daraufhin entsandte Kaiser Tai-Zong im Jahr 629 seinen General Li Jing mit einer Armee von 100 000 Mann gegen die OsttĂŒrken, die ein Jahr spĂ€ter unterworfen wurden. Der chinesische Kaiser erklĂ€rte sich nach diesem Sieg zum »Himmelskhan« der TĂŒrken und siedelte diese – ungefĂ€hr eine Million Menschen – im Gebiet des Gelben Flusses an, wo ein Teil von ihnen im Lauf der Zeit sinisiert wurde. Der Khan der OsttĂŒrken sowie zahlreiche AnfĂŒhrer und Adelige kamen an den chinesischen Kaiserhof in Chang’an. Einige ihrer HeerfĂŒhrer wurden in die chinesische Armee aufgenommen.

Die Macht der OsttĂŒrken war aber nach wie vor ungebrochen, und ihr Einfluß in Zentralasien wurde immer stĂ€rker. Es geriet nun sogar einer der dortigen Stadtstaaten, Gaochang, den seit langer Zeit ein Freundschafts- und VerwandtschaftsverhĂ€ltnis mit Chang’an verband und dem es bisher gelungen war, sich der Unterwerfung unter die WesttĂŒrken zu entziehen, unter tĂŒrkischer Herrschaft.
Daraufhin unternahmen chinesische Truppen zwei großangelegte FeldzĂŒge (639/640 und 647/648) und brachten das gesamte Gebiet einschließlich des Tarim-Beckens wieder unter ihre Kontrolle, wobei den Chinesen vor allem der Umstand zugute kam, daß gerade zu dieser Zeit die WesttĂŒrken durch Stammesfehden geschwĂ€cht waren und die Uighuren sich von den ĂŒbrigen WesttĂŒrken selbstĂ€ndig machten.
Mit Hilfe der Uighuren gelang es den Chinesen dann auch ein Jahrzehnt spĂ€ter, die macht der OsttĂŒrken endgĂŒltig zu brechen und sie nach Westasien und Europa abzudrĂ€ngen. Die Herrschaftsbereiche des chinesischen Kaiserhauses reichte damals im Westen ĂŒber den Pamir hinaus bis an den Oxus und den Indus, wenngleich die Gebiete jenseits des Pamir nur in einem relativ losen VerhĂ€ltnis zu China standen.                                                                       nach oben

Das Reich der “Turfan”

Zu Beginn des 7. Jahrhunderts war es Songtsan Gampo (620 bis 650) gelungen, die verschiedenen tibetischen StĂ€mme zu vereinigen und ein gewaltiges Reich im Westen zu errichten, das nicht nur Tibet selbst umfaßte, sondern dessen EinflußsphĂ€re auch noch Teile der (heutigen) Provinz Qinghai, Gansu und Sichuan, den sĂŒdlichen Teil von Xinjang sowie einen Teil von Nepal und ein kleines Gebiet von Nordindien mit einschloß und sich das »Reich der Tufan« nannte.
Im Jahr 634 traf eine Gesandtschaft des tibetischen Königs am Kaiserhof in Chang’an ein, wo sie mit großen Ehren aufgenommen wurde. Vier Jahre spĂ€ter schichte auch Kaiser Tai-Zong eine chinesische Gesandtschaft zu einem Gegenbesuch nach Tibet, wo diese ebenfalls eine ĂŒberaus freundliche Aufnahme fand.

Auf ihrer RĂŒckkehr nach China wurden sie von einem hohen tibetischen Beamten begleitet, der im Auftrag seines Königs am Kaiserhof in Chang’an um die Hand einer kaiserlichen Prinzessin bitten sollte. Kurze Zeit darauf fiel der tibetische König mit 200 000 Mann im Land der Tuyuhun ein, stand mit seinen Truppen vor der chinesischen Metropole und schickte einen Offizier nach Chang’an, der die Tochter des Kaisers, mit der er sich vermĂ€hlen wollte, abholen sollte, da der Kaiser bisher auf sein diesbezĂŒgliches Ansinnen noch immer nicht reagiert hatte.
Dieser entsandte jedoch eine starke Armee unter FĂŒhrung eines seiner besten GenerĂ€le gegen den tibetischen Herausforderer, der nun eine Niederlage hinnehmen mußte. Dennoch kam es im Anschluß daran zu einer Versöhnung zwischen den beiden, und der tibetische König erhielt Wencheng, eine Tochter des Kaisers Tai-Zong, zur Frau, nachdem er sich zwei Jahre vorher bereits mit einer Tochter des nepalesischen Königs vermĂ€hlt hatte.                                             nach oben

 Tibeter ĂŒbernehmen Schriftsystem aus Indien

WĂ€hrend dieser Zeit, in der das Reich der Tibeter die höchste Machtentfaltung in seiner Geschichte zu verzeichnen hatte, entwickelten sich auch enge wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen den Chinesen und den Tibetern immer engere Beziehungen entwickeln, kam es zwischen den beiden Völkern gelegentlich doch auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die darin gipfelten, daß die Tibeter zu einem Zeitpunkt, als die Chinesen gerade anderweitig engagiert waren, sogar die chinesische Hauptstadt Chang’an und einen Teil des umliegenden Gebietes eroberten (763).

Im Nordosten des Reiches gelang es den Chinesen, ihre EinflußsphĂ€re weiter auszudehnen. Dort existierte damals, im Gebiet des heutigen Korea, drei koreanische Kleinstaaten. Durch eine Allianz mit den Chinesen gelang es einem dieser Kleinstaaten 668, den Einfluß der beiden anderen zurĂŒckzudrĂ€ngen und die Kontrolle ĂŒber das gesamte Gebiet zu erlangen. Von diesem Gebiet aus, das nun noch stĂ€rker unter dem Einfluß Chinas stand, gelangte die chinesische Hochkultur der Tang-Epoche nach Japan, wo sie das japanische Geistesleben in fast allen Aspekten entscheidend mitgeprĂ€gt hat. 

Im SĂŒden des Reiches konnte wĂ€hrend der Tang-Zeit die Herrschaft des chinesischen Zentralstaates weiter ausgebaut und gefestigt werden. Wenngleich in Yunnan das Kleinkönigreich der Tai noch einige Jahrhunderte eine gewisse EigenstĂ€ndigkeit behielt und erst unter der Mongolenherrschaft zur GĂ€nze dem Reich einverleibt wurde, so ist doch Vietnam 679 unter chinesische Oberhoheit gekommen und dort ein Protektorat errichtet worden.                 nach oben

 Literatur 

Die Tang-Dynastie wird oft – und zwar nicht zu Unrecht – als Zeit höchster kultureller BlĂŒte des Landes angesehen, Literatur und Kunst erlebten wĂ€hrend dieser Epoche einen großen Aufschwung, vor allem die Lyrik, die im »shi«, einer besonderen Gedichtekategorie, in der Tang-Zeit ihren höchsten Ausdruck findet. Die »Gesamten Tang-Gedichte« (Quan-Tang-shi), eine Sammlung aller zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch auffindbarer Gedichte der Tang-Zeit, die in kaiserlichem Auftrag von Cao Yin zusammengestellt wurde, umfasste 50 000 Gedichte von 2 000 Dichtern.

Li Bai, Du Fu und Bo Juyi

Als die berĂŒhmtesten dieser Tang-Poeten ragen Li Bai, Du Fu und Bo Juyi heraus. Wenngleich chinesische Gedichte auf Grund der völlig anderen Struktur der chinesischen Sprache sich von den Gedichten in unseren westlichen Sprachen nicht unwesentlich unterscheiden, so gibt es dennoch eine Reihe gemeinsamer Punkte, die ein Gedicht von einem Prosatext unterscheiden. Auch kennt man im Chinesischen, ebenso wie in unseren indoeuropĂ€ischen Sprachen, eine Reihe unterschiedlichster Gedichtkategorien, die meist noch in mehrere Untertypen zerfallen.

Gedanken zur Nacht (von Li Taibo, 699 bis 762)

 Hell scheint der Mond vor mein Bett.
Ich ĂŒberleg, ob’s nicht Reif auf der Erde sei.
Ich habe mein Haupt und blicke empor zum strahlenden Mond.
Ich senke mein Haupt und denke zurĂŒck an die Heimat. 

FrĂŒhlingsanblick (von Du Fu 712 bis 770)

 Das Reich verwĂŒstet, nur Berge und Ströme noch da.
In der Stadt der FrĂŒhling, dichter werden GrĂ€ser und BĂ€ume.
Ich denke zurĂŒck an die (schwere) Zeit, da fallen auf die Blumen TrĂ€nen.
Ich bin traurig ĂŒber die Trennung, da schrecken Vögel mein Herz auf.
Signalfeuer brennen schon drei Monate lang.
Ein Brief von daheim wĂ€re zehntausend GoldstĂŒcke wert.
Weiß ist mein Haupt, ich durchstreich’s, es ist schĂŒtterer geworden.
Nicht mehr zusammenhalten kann es die Nadel.

 An der AhornbrĂŒcke vor Anker (von Zhang ji, 8. Jahrhundert)

Der Mond sinkt herab, die KrĂ€hen schreien, von Frost erfĂŒllt ist der ganze Himmel
Die AhornbĂ€ume am Fluß und die Fischerlaternen stehen mir in meinem
Kummervollen Schlafe gegenĂŒber.
Vom Tempel des Kalten Berges, außerhalb der Stadt Gusu (heute Suzhou)
Tönt um Mitternacht die Glocke zu meinem Boote herĂŒber
                                                                                                                                  
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 Höchste Entfaltung des Buddhismus 

Wir haben bereits gesehen, daß der Buddhismus spĂ€testens im 1. Jahrhundert n.Chr. aus Indien ĂŒber Zentralasien nach China eingedrungen ist und sich dort stark entfaltet hat. Die Nördliche Wei-Dynastie sowie die erste HĂ€lfte der Tang-Dynastie stellen jene Epoche dar, in der der Buddhismus auf chinesischem Boden seine höchste BlĂŒte erreichte.

Schulen und Sekten des Buddismus 

Der Buddhismus, der zutiefst im theoretisch-spekulativen Denken der Inder verwurzelt ist, hat, nachdem er nach China verpflanzt wurde, ganz bedeutende und tiefgreifende VerĂ€nderungen durchgemacht. Nur durch ein Abstoßen vieler mit der chinesischen Geisteshaltung unvereinbarer Elemente und eine Angleichung an chinesische Lebensprinzipien hat der Buddhismus China erobert und dort zu einer solchen BlĂŒte und Machtentfaltung gelangen können.
Bereits in Indien selbst hatte sich der Buddhismus in verschiedene Richtungen hin entwickelt bzw. in eine Reihe von verschiedenen Schulen oder Sekten aufgespalten. Diese Tendenz hat sich auch auf chinesischem Boden weiter fortgesetzt, wenngleich sich die verschiedenen Richtungen in China gegenseitig nicht feindselig gegenĂŒberstanden, sondern große Toleranz zeigten. Insgesamt weist der Buddhismus in China zehn verschiedene Richtungen bzw. Schulen auf, von denen acht bereits in Indien existiert haben.
Von diesen zehn verschiedenen Richtungen haben in China vor allem drei Bedeutung erlangt. Den grĂ¶ĂŸten Einfluß auf die breiten Volksmassen hatte die sogenannte »Schule des Reinen Landes« (jing-tu-zong). Von der ursprĂŒnglichen Lehre des Buddha weit entfernt, standen bei dieser Richtung der tiefe Glaube an den göttlichen Buddha AmitĂ€bha und sein Paradies im Fernen Westen ganz im Vordergrund.
Das wichtigste Mittel, dem Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt zu entgehen und ihre letzte Wiedergeburt mit einem glĂŒcklichen Leben ohne Ende im Paradies zu erlangen, sahen die AnhĂ€nger dieser Richtung im Gebet, das heißt in der dauernden Anrufung des göttlichen Buddha, die meist mit der Formel »Verehrung dem Buddha AmitĂ€bha!« (nan-wu Amitou-Fo) erfolgte.
Die GrĂŒndung dieser Richtung, die mit zu den Ă€ltesten Schulen des Buddhismus in China zĂ€hlt und dort auch unter dem Namen »Lotus-Sekte« (lian-zong) bekannt ist, geht auf das 4. Jahrhundert zurĂŒck.Eine weitere wichtige Schule, die in China im 6. Jahrhundert gegrĂŒndet wurde, ist die »Chan-Sekte« (chan-zong), in Europa bekannter unter der japanischen Bezeichnung »Zen« bzw. »Zen-Buddhismus«, welche die Meditation in den Mittelpunkt ihrer Lehre stellt.
Durch richtiges mystisches Versenken soll der Mensch in die Lange versetzt werden, die sich ihm aus dem Unbewußten und Unterbewußtsein ins Bewußtsein allmĂ€hlich drĂ€ngende Gedanken immer mehr abzutöten und dadurch sein Bewußtsein allmĂ€hlich ganz abzuschalten, um so die ewige Wahrheit intuitiv zu erfassen und in sich selbst Buddha zu erkennen. Weder der historische Buddha noch sonst irgendein Buddha wird im Chan-Buddhismus als Gottheit in irgendeiner Weise kultisch verehrt. Die Wahrheit ist nicht außerhalb, in irgendwelchen heiligen BĂŒchern oder kanonischen Schriften, sondern nur in sich selbst zu suchen und zu finden.Der Chan-Buddhismus ist in zwei Strömungen von China nach Japan ĂŒbernommen worden, das erstemal im 8., und das zweite mal im 12. Jahrhundert. Als eigentlicher GrĂŒnder des japanischen Zen-Buddhismus gilt Eisai (1141 bis 1215). Auf japanischem Boden hat die Zen-Schule bin ins 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt. WĂ€hrend die »Sekte vom Reinen Land« mehr die breite Massen der Bevölkerung angesprochen hat, zog die Chan-Sekte, in der das philosophische Element am stĂ€rksten in Erscheinung tritt, vorwiegend Literaten, Gelehrte und KĂŒnstler in ihren Bann. Anfangs des 8. Jahrhunderts tritt eine weitere Richtung des Buddhismus auf, die sogenannte »Sekte des Geheimnisses« (mi-zong). Diese Lehre, die als eine Art Geheimlehre angesehen wurde, sucht ihr letztes bleibendes GlĂŒck vor allem durch ZaubersprĂŒche und Zauberformeln zu erreichen.
Bei ihr tritt das philosophische Element völlige in den Hintergrund. Im Vordergrund hingegen steht das Geheimnisvolle, das Religiöse. Diese Schule hat bereits auf indischem Boden Elemente des Tantrismus, einer magisch-okkultischen Heilslehre, aufgenommen, zu der sich nach ihrer Übernahme in China noch verschiedene chinesische Zauberpraktiken gesellten. Diese Richtung, in deren Zentrum die Verehrung der Götter-Dreiheit Sakyamuni, AmitĂŁbha und Vairocana steht, hat neben der Götterwelt des Mahayana-Buddhismus auch noch fast das gesamte Pantheon des Hinduismus mit aufgenommen. Diese »Lehre des Geheimnisses« hat sich vor allem in Tibet zur staatstragenden Religion und, nach Aufnahme verschiedener Elemente der dort seit frĂŒherer Zeit beheimateten Bon-Religion, zum sogenannten Lamaismus entwickelt.
Der Buddhismus hat bis etwa 840 in China immer mehr an Bedeutung gewonnen. In den darauffolgenden Jahren kam es jedoch zu einer intensiven Verfolgung, bei der mehr als fĂŒnf Millionen Hektar Klostergrund vom Staat konfisziert wurden. Mehr als 4500 Klöster wurden zerstört, ĂŒber 250 000 Mönche und Nonnen in den Laienstand versetzt, zirka 150 000 Klosterangestellte aus den Klöstern entfernt.
Der Grund fĂŒr diese Verfolgung lag vor allem darin, daß die Klöster, die große Steuerprivilegien besaßen, z.B. durch Schenkungen frommer GlĂ€ubiger usw. im Lauf der Zeit riesige Vermögen zu Lasten der Staatskasse angesammelt hatten, welches dem Staat verlorenging.
Neben dem Buddhismus, der sicherlich die grĂ¶ĂŸte Ausstrahlungskraft und den grĂ¶ĂŸten Einfluß aller Fremdreligionen in China ausgeĂŒbt hat, spielen auch noch einige andere Religionssysteme, die wĂ€hrend der Tang-Dynastie nach China eingedrungen sind, eine nicht unbedeutende Rolle.
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 ManichĂ€ismus 

Hier ist zunĂ€chst der ManichĂ€ismus zu nennen. Nach seinem GrĂŒnder, dem Babylonier (iranischer Abstammung) Mani (216 bis 277) so genannt, stellt der ManichĂ€ismus eine synkretistische Religion dar, die Elemente aus dem Christentum, insbesondere aus dem frĂŒhchristlichen Gnostizismus, dem Buddhismus sowie altiranischem und indischem Gedankengut enthĂ€lt Er hat in China, wo wir ihm im 7. Jahrhundert zum erstenmal begegnen, vor allem deshalb eine gewisse Bedeutung erlangt, weil die Uighuren, deren König 762 zum ManichĂ€ismus bekehrt wurde, diese Religion angenommen hatten. Aber nicht nur in weiten Teilen Zentralasiens, sondern auch im chinesischen Kernland selbst hat der ManichĂ€ismus eine AnhĂ€ngerschaft gefunden. Im Zuge der großen Religionsverfolgung von 842 bis 845 wurde der gesamte Grundbesitz, die HĂ€user und sonstiges Eigentum der ManichĂ€er in China beschlagnahmt. Gleichzeitig wurden die Priester ihres Amtes enthoben, die einzelnen Kultgemeinden aufgelöst. Von diesem Schlag hat sich der ManichĂ€ismus in China nie mehr erholt. Wenngleich auch einzelne manichĂ€ische Gemeinden noch mehrere Jahrhunderte existierten, so war er seit dem 9. Jahrhundert doch so geschwĂ€cht, daß er bis zu seinem endgĂŒltigen Untergang im 13 Jahrhundert fast ĂŒberhaupt keine Rolle mehr spielte.                                                                                nach oben

Nestorianisches Christentum

Ein Ă€hnliches Schicksal wie der ManichĂ€ismus hat auch der Nestorianismus in China erfahren. Der GrĂŒnder dieser Religion ist Nestorius, geboren um 381 in Antiochia, Patriarch von Konstantinopel (428 bis 431). Seine Lehre basierte auf dem Christentum. Auf Grund der Entwicklung eigener Thesen, die im Widerspruch zur dogmatischen Lehre der römisch-katholischen Kirche standen, wurde seine Lehre 431 auf dem Konzil von Ephesus verurteilt und er selbst ein paar Jahre spĂ€ter nach Ägypten verbannt. In der Folgezeit zogen die AnhĂ€nger des nestorianischen Christentums nach Osten und verbreiteten ihre Lehre auch in China. Das Symbol ihrer Lehre, die besonders in Zentralasien starke Verbreitung fand, war das Kreuz mit je zwei Kugeln an den vier Balkenenden. Das nestorianische Christentum kam im Jahre 635 wĂ€hrend der Regierungszeit des Kaisers Tai-zong nach China und hat in manchen Teilen des Reiches bis zum Ende der Mongolen-Dynastie (1280 bis 1368) geblĂŒht. Wie der ManichĂ€ismus, so hat auch der Nestorianismus in Zentralasien sein stĂ€rkstes Verbreitungsgebiet gefunden. Vom nestorianischen Christentum ist uns noch heute ein gewaltiger Zeuge aus Stein, die berĂŒhmte Nestorianerstele von Xi’an (heute im Bei-lin-Museum von Xi’an aufbewahrt) erhalten, die 781 errichtet wurde. Auf der Stele ist ein Text in chinesischer und in altsyrischer Sprache eingemeißelt. Das Auffinden dieses Steinmonuments im Jahr 1625 erregte damals großes Aufsehen. Über diesen Text, der von der »Ausbreitung der Erhabenen Religion von Da Qin«, wie damals das Römische Reich oder Syrien genannt wurde, kĂŒndet, ist sehr viel geschrieben worden.                                                                                                    nach oben

 Zoroastrismus und Judentum

Auch die persische Religion des Zoroastrismus (manchmal auch Parsismus oder Mazdaismus genannt) hat wĂ€hrend der Tang-Zeit Eingang nach China gefunden, so wie das Judentum, das im Vergleich zu den anderen westlichen Religionen nie eine große Rolle im Leben der Chinesen gespielt hat, obgleich es sich in verschiedenen kleinen Kultgemeinden bis ins 19. Jahrhundert erhalten konnte.                                                                                                                          nach oben

 Islam

Von grĂ¶ĂŸter Nachhaltigkeit erwies sich der Islam, der wahrscheinlich im 7. Jahrhundert auf dem Land- und Wasserweg nach China gekommen ist. Über den Zeitpunkt der EinfĂŒhrung sowie ĂŒber die nĂ€heren UmstĂ€nde wissen wir nicht genau Bescheid, da es sich als außerordentlich schwierig erweist, historische Fakten von Legende zu unterscheiden. Im Jahr 751 war es bei Talas zu einer Schlacht zwischen Chinesen und Arabern gekommen, die fĂŒr erstere einen ungĂŒnstigen Ausgang nahm, und im Laufe des 8. Jahrhunderts kĂ€mpfte ein arabisches Truppenkontingent bei der Niederwerfung eines Aufstandes auch auf Seiten der kaiserlichen Truppen. Von diesem Zeitpunkt an nahm der Einfluß des Islam in Chian stark zu und eroberte in den folgenden Jahrhunderten allmĂ€hlich ganz Zentralasien. WĂ€hrend die westlichen Gebiete, so etwa Kaschgar und Umgebung, bereits im 10. Jahrhundert mohammedanisch wurden, ĂŒbernahmen die Einwohner des östlichen Raumes von Zentralasien den Islam erst im 14. und 15. Jahrhundert, wobei die drei frĂŒher genannten vorderasiatischen Religionen, ManichĂ€ismus, nestorianisches Christentum und Mazdaismus – insbesondere unter der indoeuropĂ€ischen Bevölkerung dieses Gebietes-, noch Jahrhunderte neben dem Islam weiter existierten und erst allmĂ€hlich verschwanden. Im Gegensatz zu den drei genannten Religionssystemen, deren AnhĂ€nger sich im wesentlichen aus IndoeuropĂ€ern, TĂŒrken oder anderen Fremdvölkern zusammensetzten, ist der Islam auch in grĂ¶ĂŸerem Ausmaß in die Han-Bevölkerung eingedrungen. Da sowohl der Buddhismus als auch die genannten Fremdreligionen, die aus dem Vorderen Orient stammen, in Zentralasien untergegangen sind, ist dieses Gebiet heute muslimisch. Insgesamt leben derzeit rund zehn Millionen Muslims in der Volksrepublik China, die sich vorwiegend aus Uighuren, Kasachen, Usbeken, Tadschiken, Hui, Kirgisen, Tataren, Salaren, Dingxiang und Baoan zusammensetzen.                                nach oben

 Malerei und bildende Kunst

WĂ€hrend der Tang-Dynastie nahmen auch Malerei und bildende Kunst, vor allem durch den Einfluß des Buddhismus, einen bedeutenden Aufschwung. Es zeigen sich in der Kunst starke EinflĂŒsse aus Indien und aus dem Gebiet von Gandhara (im heutigen Pakistan/Afghanistan), wo sich zwischen dem 1. Und 6. nachchristlichen Jahrhundert die sogenannte grĂ€ko-buddhistische Gandhara-Kunst entwickelt hatte. Diese stark hellenistisch geprĂ€gte Kultur fand dann wĂ€hrend der Zeit der Sechs Dynastien und der anschließenden Tang-Epoche ĂŒber Zentralasien Eingang nach China, wo wir heute noch die monumentalen Figuren in den Höhlentempeln von Dunhuang, Yungang, Longmen usw. bewundern können.                                                                                               nach oben

 Musik

Die chinesische Musik ist prinzipiell nach einem völlig anderen System aufgebaut als unsere abendlĂ€ndische Musik. Schon im 1. Jahrtausend v.Chr. waren den Chinesen alle zwölf Halbtöne innerhalb einer Oktave bekannt. Zusammen mit den ganzen Tönen wurden sie nach den philosophischen Prinzipien des Yang (mĂ€nnlich, aktiv, ungrade (Zahl), hell usw.) und Yin (weiblich, passiv, gerade (Zahl), dunkel usw.) in zwei Reihen kategorisiert, nĂ€mlich in helle und dunkle Töne. Aus dieser theoretischen Tonskala entwickelte sich ein System von fĂŒnf Ganztönen auf der Basis einer Oktave.   

In der zweiten HĂ€lfte der Tang-Zeit ging die Macht des Kaiserhofs und des Reiches immer mehr zurĂŒck. Die Tang-Dynastie hatte, wie gesagt, durch gewaltige Expansionen nach Norden und Westen hin ihr Imperium betrĂ€chtlich erweitert. Das hatte zur folge, daß diese Gebiete, die von den verschiedensten tĂŒrkischen, mongolischen und tungusischen VolksstĂ€mmen bevölkert waren, auch militĂ€risch mit einem entsprechendstarken Truppenpotential, das dem betreffenden MilitĂ€rgouverneur jederzeit zu Gebote stand, abgesichert werden mußten. Damals wuchs die Macht in deren HĂ€nden oft erheblich an, und diese MilitĂ€rgouverneure entwickelten sich, wenn sie mit dem Kaiserhof in Konflikt gerieten, nicht selten zu einer Gefahr fĂŒr den Weiterbestand einer Dynastie. Einem solchen MilitĂ€rmachthaber nichtchinesischen Ursprungs namens An Lushan wĂ€re es um die Mitte des 8. Jahrhunderts beinahe gelungen, das Kaiserhaus der Tang zu stĂŒrzen und sich selbst zum neuen »Himmelssohn« zu machen. 755 zog er mit einer Streitmacht von fast 200 000 Mann gegen Louyang und ließ sich dort zum Kaiser einer neuen Dynastie ausrufen. Obwohl der Hof eine große Armee gegen ihn schickte, gelang es nicht, ihn zu besiegen, vielmehr fiel auch noch Chang’an in seine HĂ€nde. Der regierende Kaiser Xuan-zong floh nach SĂŒdwesten in die Provinz Sichuan. Sein Sohn Su-zong trat die Nachfolge an. Durch die Bildung einer Allianz mit Tibetern und Uighuren gelang es 755, An Lushan zu besiegen, doch die Unruhen dauerten an, bis auch einer seiner GenerĂ€le, der erheblichen Widerstand leistete, vernichtet war.Eine zweite wichtige Ursache fĂŒr den hereinbrechenden Untergang der Tang-Dynastie sieht die chinesische Geschichtsschreibung darin, daß sich am Hof eine nicht mehr zu ĂŒbersehende Cliquen- und Vetternwirtschaft breitgemacht hatte. Vor allem wird auch die Palastdame und Konkubine Yang Guifei, die den Kaiser zu einem ausschweifenden Leben verfĂŒhrt haben soll, fĂŒr diese Situation verantwortlich gemacht. Der Untergang der Dynastie war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Ab 860 kam es zu einer Reihe von BauernaufstĂ€nden, nachdem die Wirtschaft im Land weitestgehend zusammengebrochen war. Daneben kĂ€mpften auch noch MilitĂ€rgouverneure und GenerĂ€le um die Macht im Staate und proklamierten sich, nachdem sie ein bestimmtes Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht hatten, jeweils zum Kaiser einer Dynastie. Dann zerfiel das einst so mĂ€chtige Tang-Reich, auf das nun die Periode der FĂŒnf Dynastien und Zehn Staaten folgte, denen aber auch nur eine Existenz von etwa einem halben Jahrhundert gegönnt war.                                                                                    nach oben

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