M├Ąrchen 2

Der Drachenk├Ânig und der Bambusfl├Âtenspieler

Vor langer, langer Zeit lebte am Fu├č des F├╝nffingerberges ein Mann, der mit gro├čer Fertigkeit und Sch├Ânheit auf der Bambusfl├Âte spielen konnte. Die Musik, die er machte, war noch melodi├Âser als der Gesang der Goldamsel, die Triller waren klarer als die der Drossel, und die Tonfolgen waren ├╝berschw├Ąnglicher als die der Lerche, die in die L├╝fte steigt bei ihrem Jubelkonzert.

Wenn das Fl├Âtenspiel ert├Ânte, flogen die V├Âgel nicht mehr, sondern setzten sich auf Zweige und Z├Ąune, um zu lauschen, und die Bauern ruhten aus von ihrer Feldarbeit. Beim Klang seiner Musik l├Ąchelten die alten M├Ąnner und erinnerten sich wieder ihrer Jugendzeit, w├Ąhrend die Kin┬şder vor Freude tanzten und tollten.

Wegen des Zaubers seiner Musik glaubten die Leute, er habe etwas ├ťberirdisches an sich und nannten ihn den Himmlischen Fl├Âtenspieler.

Eines Tages gab der Drachenk├Ânig des S├╝dlichen Sees ein Festessen, zu dem er eine gro├če Anzahl Unsterbliche einlud.

Der K├Ânig war mit dem Drachengewand bekleidet und trug Jadeg├╝rtel, die G├Ąste waren ebenfalls in auserlesene und kostbare Gew├Ąnder geh├╝llt. So sa├čen sie fr├Âhlich zusammen und feierten.

Es traf sich, da├č gerade zu dieser Zeit der Himmlische Fl├Âtenspieler das Ufer des Sees erreichte, nachdem er zehn Tage und N├Ąchte gewandert war. Er warf sein Fischnetz in den stillen See, setzte sich auf das Steinufer und begann, auf seiner Bambusfl├Âte zu spielen.

Gerade als der Drachenk├Ânig seinen Becher hob, um den Unsterblichen zuzutrinken, h├Ârte er die T├Âne dieser bezaubernden Musik. Die G├Ąste waren dadurch so verz├╝ckt, da├č die Jadebecher ihren Fingern entglitten und zu Boden fielen. Die ganze Festlichkeit verbla├čte vor diesem wundersamen Spiel. Der Himmlische Fl├Âtenspieler wu├čte nicht, da├č Unsterbliche ihm lauschten. Die Unsterblichen waren ihrerseits ├╝berzeugt, da├č der Fl├Âtenspieler einer der ihren sei, der vom Himmel herabgestiegen sein mu├čte.

Der Drachenk├Ânig selbst war so entz├╝ckt von der sch├Ânen Musik, da├č er den Fl├Âtenspieler einladen wollte, seinen Sohn zu unterrichten. Er sp├╝rte die Quelle der Musik bald auf und fand schlie├člich den Mann am Ufer. Der Himmlische Fl├Âtenspieler stimmte zu, seinen Sohn zu unterrichten; er zog sein Netz ein, steckte die Bambusfl├Âte in seinen G├╝rtel und ging mit dem Drachenk├Ânig zu dessen Palast. Bald bekam er Heimweh. Die Zeit schien stillzustehen, ein Tag war f├╝r ihn wie ein Jahr. Am Ende von drei Jahren hatte der Sohn des Drachenk├Ânigs endlich gelernt, die Fl├Âte zu spielen, und der Himmlische Fl├Âtenspieler bat den K├Ânig, ihn heimkehren zu lassen. Der Drachenk├Ânig war sehr erfreut, da├č sein Sohn das Fl├Âtenspiel erlernt hatte und entschied, den Lehrer mit einem ansehnlichen Geschenk zu belohnen. Er befahl seinem Sohn, seinen Lehrer in die Schatzkammer zu f├╝hren, damit er sich zwei wertvolle St├╝cke ausw├Ąhlen k├Ânne.

Der Himmlische Fl├Âtenspieler und sein Sch├╝ler betraten das gro├če, weitl├Ąufige Geb├Ąude, in dem all die Sch├Ątze des K├Ânigs aufbewahrt wurden. Die Kostbarkeiten gingen in die Hunderte, Ja in die Tausende.

Auf einem Bord glitzerten in blendendem Gefunkel erlesene, schwere Edelsteine: rote, gr├╝ne, gelbe, blaue und violette.

Auf einem anderen Bord blitzten gewichtige Goldbarren. Bambusk├Ârbe in allen Gr├Â├čen hingen an den W├Ąnden, und in einem Schrank lagen SchilfÔÇĹRegenm├Ąntel in verschiedenen L├Ąngen. Der Himmlische Fl├Âtenspieler ging ├╝berall umher und machte schlie├člich vor den Bambusk├Ârben halt. Er ├╝berlegte: wenn ich einen davon nehme, dann habe ich etwas, indem ich die gefangenen Fische und Garnelen tragen kann. So nahm er einen mittelgro├čen Bambuskorb von der Wand und befestigte ihn an seinem G├╝rtel.

Dann schritt er etwas weiter und hielt inne bei einem Schrank mit Regenumh├Ąngen. Er dachte, wenn ich einen von diesen nehme, dann kann ich auch bei Regen fischen gehen. Mit diesem Gedanken nahm er einen mittelgro├čen SchilfÔÇĹRegenumhang aus dem Schrank und warf ihn ├╝ber die Schulter. Nachdem er seine Wahl getroffen hatte, f├╝hrte ihn der Sohn des Drachenk├Ânigs aus der Schatzkammer.

┬╗Warum w├Ąhlst du solch allt├Ągliche Dinge, und nicht kostbare Steine, Gold oder Silber? ┬ź fragte der Junge.

┬╗Gold und Silber sind nicht die n├╝tzlichsten Dinge┬ź, erwiderte der Himmlische Fl├Âtenspieler mit einem L├Ącheln, ┬╗nach einer gewissen Zeit w├╝rden einem auch diese Dinge einmal durch Tausch oder Verkauf aus den H├Ąnden gleiten und nicht mehr geh├Âren. Aber jetzt, da ich diesen Korb und diesen Umhang habe, kann ich jeden Tag fischen gehen und werde nie verhungern.┬ź

Als er zu Hause ankam, machte der Himmlische Fl├Âtenspieler eine Entdeckung. Zu seiner gro├čen ├ťberraschung waren der Korb und der Umhang keine gew├Âhnlichen Dinge, sondern wirkliche Sch├Ątze. Kam er hungrig und ohne Erfolg vom Fischfang zur├╝ck, so fand er stets k├Âstliche Speisen in seinem Korb vor. So hatte er immer eine reichliche, k├Âstlich duftende Mahlzeit auf dem Tisch. Ging er zum Fischen an den S├╝dlichen See, oder zum Garnelenfang an den ├ľstlichen See, so breitete sich der Schilf-Regenmantel wie ein paar Schwingen aus und trug ihn hin.

Nach vielen Jahren flog der Himmlische Fl├Âtenspieler einmal auf die Spitze des F├╝nffingerberges. Auf dem R├╝cken trug er seinen Bambuskorb, und um seine Schultern wehte der wundersame Schilf-Regenmantel.

Auf dem Berg begann er auf seiner Fl├Âte zu spielen, und seit jenen Zeiten brachte seine Musik stets Freude und Gl├╝ck zu den Menschen.