M├Ąrchen 5

Die Kupferm├╝nze

Einmal hatte ich eine Zeitlang in China gelebt. Ich war im Fr├╝hling in Shanghai angekommen und die Hitze war m├Ârderisch. Die Kan├Ąle stanken zum Himmel, und immer war der ranzige, ├╝ble Geruch von Sojabohnen├Âl in der Luft. Ich konnte und konnte mich nicht eingew├Âhnen. Neben Wolkenkratzern lagen Lehmh├╝tten, vor denen nackte Kinder im Schmutz spielten. Nachts zirpten die Zikaden im Garten und lie├čen mich nicht schlafen. Im Herbst kam der Taifun, und der Regen stand wie eine gl├Ąserne Wand vor den Fenstern. Ich hatte Heimweh nach Europa. Da war niemand, mit dem ich befreundet war und der sich darum k├╝mmerte, wie mir zumute war. Ich kam mir ganz verloren vor in diesem Meer von fremden, gelben Gesichtern. Und dann kam Weihnachten. Ich wohnte bei Europ├Ąern, die chinesische Diener hatten. Der oberste von ihnen war der Koch, Ta-Tse-Fu, der gro├če Herr der K├╝che. Er radebrechte deutsch und war der Dolmetscher zwischen mir und dem Zimmer-Kuli, dem Ofen-Kuli, dem W├Ąsche-Kuli und was es da eben sonst noch so an Dienerschaft im Haus gab.

Am Heiligen Abend, und ich a├č wieder verheult in meinem Zimmer, ├╝berreichte mir der Ta-Tse-Fu ein Geschenk.

Es war eine chinesische Kupferm├╝nze mit einem Loch in der Mitte, und durch das Loch waren viele bunte Wollf├Ąden gezogen und dann zu einem dicken Zopf zusammengeflochten. ÔÇ×Ein sehr altes M├╝nzeÔÇť, sagte der Koch feierlich. ÔÇ×Und die Wollf├Ąden geh├Ârt auch dir, Wollf├Ąden sind von mit und meine Frau und von Zimmer-Kuli und sein Schwester und von Eltern und Br├╝der von Ofen-Kuli ÔÇô von uns allen sind die Wollf├Ąden.ÔÇť

Ich bedankte mich sehr. Es war ein sehr merkw├╝rdiges Geschenk ÔÇô und noch viel merkw├╝rdiger, als ich zuerst dachte. Denn als ich die M├╝nze mir ihrem dicken Wollzopf einem Bekannten zeigte, der seit Jahrzehnten in China lebte, erkl├Ąrte er mir, was es damit f├╝r eine Bewandtnis hatte:

Jeder Wollfaden war eine Stunde des Gl├╝cks. Der Koch war zu seinen Freunden gegangen und hatte sie gefragt: ÔÇ×Willst du von dem Gl├╝ck, das dir f├╝r dein Leben vorausbestimmt ist, eine St├╝nde des Gl├╝cks abtreten?ÔÇť Und Ofen-Kuli und Zimmer-Kuli und W├Ąsche-Kuli und ihre Verwandten hatten f├╝r mich, f├╝r die fremde Europ├Ąerin, einen Wollfaden gegeben, als Zeichen, dass sie mir von ihrem eigenen Gl├╝ck eine Stunde des Gl├╝cks schenkten. Es war ein gro├čes Opfer, das sie brachten. Denn wenn sie auch bereit waren, auf eine Stunde ihres Gl├╝cks zu meinen Gunsten zu verzichten ÔÇô es lag nicht in ihrer Macht, zu bestimmen, welche Stunde aus ihrem Leben es sein w├╝rde. Das Schicksal w├╝rde entscheiden, ob sie die Gl├╝cksstunde abtraten, in der ihnen ein reicher Verwandter sein Hab und Gut verschrieben h├Ątte, oder ob es nur eine der vielen Stunden sein w├╝rde, in der sie gl├╝cklich bei Reiswein zusammensa├čen; ob sie die Gl├╝cksstunde wegschenkten, in der das Auto, das sie sonst ├╝berfahren h├Ątte, noch rechtzeitig bremste ÔÇô oder die Stunde, in der das junge M├Ądchen verm├Ąhlt worden w├Ąre.

Blindlings und doch mit weit offenen Augen machten sie mir, der Fremden, einen Teil ihres Lebens zum Geschenk.

Nun ja, die Chinesen sind abergl├Ąubisch, aber ich habe nie wieder ein Weihnachtsgeschenk bekommen, das sich mit diesem h├Ątte vergleichen lassen. Von diesem Tag an habe ich mich in China zu Hause gef├╝hlt. Und die m├╝nze mit dem Wollzopf hat mich jahrelang begleitet.

Und eines Tages lernte ich jemanden kennen, der war noch ├╝bler dran als ich damals in Shanghai. Und da habe ich einen Wollfaden genommen, ihn zu den anderen F├Ąden dazugekn├╝pft ÔÇô und habe die M├╝nze weitergegeben.

(Joe Lederer)